Verfasst von: eleucht | 29. Januar 2019

Der achte Zwerg Teil 2

zell im fichtelgebirge 007xDer achte Zwerg Teil 2

Da die Acht aber eine unmögliche Zahl in Geschichten wie diesen ist, begann irgendjemand damit, mich aus dem Geschehen herauszuschreiben. Ich wurde übersehen, unsichtbar gemacht, ignoriert, überhört, meine Existenz wurde im Laufe der Jahre und Jahrhunderte förmlich ausgelöscht. Sieben sei die magische Zahl, hieß es, oder hat schon mal jemand etwas von den acht Schwaben oder den acht Raben gehört? Keiner. Na also. Ich, der musisch veranlagte Zwerg, war am ehesten entbehrlich. Die Geschichte von meinen sieben Kollegen schrieben von nun an die Verfasser von Fake News.

Nein, ich ging natürlich nicht freiwillig. Aber was kann man schon tun, wenn man beständig totgeschwiegen wird in all den Geschichten, die man über meine Welt erzählte, wenn die Schreibkundigen mich auch nur zu erwähnen vergessen, nur um die Story in eine passende Form zu bringen. Ich musste unweigerlich in Vergessenheit geraten.

Nur ich habe mich nicht vergessen. Ganz im Gegenteil. Jeder kann sich vorstellen, wie verzweifelt ich war, als ich als Opfer der Geschichtenerzähler und Schreiberlinge unfreiwillig ins Exil ging. Die ersten Tage meines neuen totgeschwiegenen Lebens fand ich Unterschlupf in einer Höhle. Einzig Feder, Tinte, Farben und Papier waren meinen Begleiter. Zum Glück gelang es mir, an den Markttagen den Touristen ein paar schnell hingemalte, aber gefühlsechte Bilder von meinem Wald zu verkaufen. Manche würden das auch Kitsch nennen. Aber eingedenk der Tatsache, dass Kunst ja brotlos genannt wird, nahm ich‘s gelassen. Selber schuld, wer sich so einen Schinken über den Kamin hängte.

Derweil ging mir die Sache mit der Tussi in unserem Zwergenhaus und wie respektlos der Oberzwerg mit seinesgleichen umgegangen war, nicht aus dem Kopf. Ja, das wurmte mich, und zwar gewaltig. Aber die verbliebenen Sieben hielten zusammen wie Pech und Schwefel und ihre schützenden kleinen Hände über das ihnen zugelaufene Mädchen, so als hätte es einen Wettbewerb wie „Der Märchenwald sucht die Supersiebenzwerge“ gegeben. Mit den grimmigen Brüdern in der Jury. Aber solch belanglose Volksbelustigung gab‘s damals zum Glück noch nicht.

Manchmal, wenn ich nichts Besseres zu tun hatte, versteckte ich mich hinter Büschen und Bäumen und beobachtete, was im Zwergenhaus vorging. Klar, die Sieben hatten jemanden gefunden, der für die faule Bande kochte, Kuchen buk, die Wäsche wusch, ihre Sachen aufräumte und was es dergleichen mehr an niederer Arbeit gab. Fast begann ich, das arme Mädchen zu bedauern, aber eben nur fast, denn schließlich war sie es, die in meinem bequemen Bettchen lag und mein Tellerchen und Löffelchen benutzte. Auf diese Weise bemerkte ich eines Tages, dass sich jemand dem Zwergenhaus näherte. Die Zwerge gingen um diese Zeit wie immer ihrem Tagewerk unter Tage nach. Schneewittchen war allein zu Haus. Die Händlerin, die da an der Tür des Hauses klopfte, kam mir jedenfalls suspekt vor. Aus der Entfernung hatte ich leider weder sehen noch hören können, was sie Schneewittchen andrehte. Es konnte jedenfalls nichts Gesundes gewesen sein, denn kaum hatte sich die Alte wieder aus dem Staub gemacht, brach Schneewittchen vor dem Häuschen zusammen und fiel zu Boden.

Ha! Das war meine Chance. Ich rannte ohne zu zögern auf das Mädchen zu. Ich würde des Oberzwergs neuen Liebling retten! Dann mussten sie alle mich einfach wieder lieb haben.

© Eberhard Leucht


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