Nachdem sich der Pulverdampf aus diversen Kanzlerkandidatenduellen, -quadrellen und was weiß ich wie vielen -ellen verzogen hat, ist ein etwas klarerer Blick auf das Ergebnis möglich. Ich hätte mir gern ein ∏-ell gewünscht, aber das habe ich leider nicht bekommen. Überraschend war das Ergebnis sicher nicht, die Werte in den Umfragen blieben während des Wahlkampfes relativ stabil, es gab kaum große Abweichungen. Die Grünen haben am Ende einige Prozente an die Linke verloren, da Robert Habeck trotz des scharfen Gegenwindes aus Unionskreisen weiterhin Kompromissbereitschaft signalisiert hat. Dafür gab’s dann eben auch von den Linken in Social Media heftige Prügel, die sich im Endspurt des Wahlkampfes als einziges und letztes Bollwerk gegen Friedrich Merz in Stellung bringen konnten. Das dürfte einige vom linken Flügel der grünen Wählerschaft bewogen haben, sich neu zu orientieren. Wenn man bedenkt, dass die Grünen von allen Parteien, nicht nur statistisch (kann jeder selbst recherchieren) gesehen, die meisten Angriffe aus allen Richtungen abbekamen, ist das Endergebnis besser, als man hätte vermuten können. Von den drei Regierungsparteien haben sie am wenigsten Federn lassen müssen, obwohl sie für beinahe alles Schlechte der Ampel verantwortlich gemacht worden waren. Auch die Union ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Sieger waren am Ende also die Ränder links und rechts des Parteienspektrums. Die Auferstehung der Linken, die sich gegenüber den Wagenknechten durchsetzen konnte, kann man allein schon aus diesem Grund begrüßen.
Während des Wahlkampfes konnte man auch gut verfolgen, wie sich die demokratischen Kräfte in der Mitte und links davon mit ideologischen Spitzfindigkeiten gegenseitig zerfleischten, derweil sich die Rechte einigermaßen geeint gibt. Zumindest nach außen.
Okay, dieses Ergebnis war also zu erwarten gewesen. Nicht aber, dass im Vogtlandkreis 40 Prozent der Wahlberechtigten für die AfD stimmten. Das hat mich erschreckt, das ist schwer zu verkraften. Gefühlt ist also beinahe jeder Zweite ein Nazi. Keine schöne Vorstellung. Und ich schreibe bewusst diesen Satz so und nicht anders, weil jeder, der dieser Partei seine Stimme gegeben hat, genau weiß, für was sie steht und damit seine Zustimmung dafür zum Ausdruck gebracht hat. Dieses Ergebnis wird auch nicht dadurch relativiert, dass es im Osten Wahlkreise mit noch höherer Zustimmung für die AfD gegeben hat.
Ein Blick in den Nachbarkreis Hof zeigt mir ein anderes Ergebnis an. Nur ein paar Kilometer hinter der ehemaligen Zonengrenze sieht die Welt gleich viel normaler aus. Das gibt mir eine gewisse Hoffnung.
Ach ja, der Hashtag #NichtAlleTassenImSchrank geht in Social Media gerade viral. Die Tasse bekommt damit eine politische Dimension. Wer eine davon übrig hat, kann sie gern an Herrn Merz schicken. Ich habe das Gefühl, er könnte aus bekannten Gründen welche brauchen. Die Union hat mit der Schuldenbremse Wahlkampf gemacht und SPD und Grünen vorgeworfen, sie wollen alles nur mit Schulden finanzieren, nun arbeitet er daran, eben diese Schuldenbremse zu reformieren (sprich zu lockern), bevor ihm im Bundestag die nötige Zweidrittelmehrheit für eine Verfassungsänderung fehlt.

