Posted by: eleucht | 16. April 2026

„Die Wut ist ein heller Stern“ – Anja Kampmann


Die Bücher, über die ich schreibe oder die ich rezensiere, wurden von mir gekauft. Es gibt keinerlei geschäftliche oder anders geartete Beziehungen zu den Verlagen, Verlagsgesellschaften oder Autoren.

Beim Lesen dieses Romans hat mich immer wieder ein ungutes Gefühl beschlichen, eine Art Déjà-Vu, das ziemlich verstörend wirkte. Dabei spielt die Handlung des Buches in einer ganz anderen Zeit als der jetzigen. Die Parallelen waren trotzdem nicht zu übersehen. Die Geschichte, die Anja Kampmann erzählt, beginnt im Jahre 1933.

Die Protagonistin des Romans, Hedda Möller, die auch als Ich-Erzählerin fungiert, arbeitet als Artistin in einem Varieté auf der Reeperbahn in Hamburg. Wenn sie hoch oben in ihren Ringen hängt und ihr Revuenummer zeigt, zu der auch zwei Kaimane gehören, fällt ihr auf, dass im Zuschauerraum immer mehr dieser neuen Uniformen auftauchen. Die Welt um sie herum beginnt sich zu verändern, ein neues Land soll nach den Vorstellungen des neuen Reichskanzlers entstehen. Bald wird klar, dass nicht alle Menschen Teil dieser neuen Volksgemeinschaft sein werden. Manche Menschen verschwinden, hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich Geschichten über ihr Schicksal. Manche von ihnen kehren zurück, haben sich aber verändert, wieder andere tauchen unter.

Arthur Wittkowski, der Eigentümer des Varietés „Alkazar“ und einer der realen historischen Persönlichkeiten in diesem Roman, wird zur Zielscheibe für die neuen Machthaber in Hamburg. Sie überziehen ihn mit Prozessen und nehmen ihm Haus und Eigentum. Heddas jüngerer Bruder Paul, der autistische Züge zeigt und Beinschienen trägt, passt nun auch nicht mehr in diese neue Welt, die vor allem von aggressiver Männlichkeit dominiert wird. Bald schon weigert sich auch seine Lehrerin, ihm ein paar Stunden Privatunterricht zu geben. Der ältere der Brüder, Jaan, geht von Hamburg aus auf große Fahrt zum Walfang.

Langsam, fast unmerklich sickert der neue Geist in die Gesellschaft, reißt Freunde und Familien auseinander. Ehemals gute Freunde, die man gut zu kennen glaubt, tragen auf einmal diesen speziellen Scheitel oder sogar das Parteiabzeichen am Revers ihrer Jacken. Und im Hintergrund rüstet der neue Staat auf.

Freundschaftliche Beziehungen und familiäre Bande retten so manches Leben. Hedda Möller kann am Ende dank der Heuer ihres Bruders das Land verlassen.

Der Einzelne steht der Entwicklung mit unterdrückter Wut hilflos gegenüber, manchmal erlebt er Solidarität. Der Roman beschreibt am Schicksal einfacher Menschen auf realistische Weise, „wie es dazu hatte kommen können“. Er hält uns damit gleichzeitig den Spiegel vor, wir sind keineswegs dagegen gefeit, wieder in dunkle Zeiten zu fallen.


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