Verfasst von: eleucht | 12. Mai 2015

Am Fenster

Am FensterDas Fenster öffnet den Blick in die Welt. Wir sehen, wie der Schnee schmilzt und das Eis dem zarten Grün des Frühlings Platz macht, der bald schon seinen gelben Blütenteppich darauf ausbreitet. Sattes Grün und saftiges Rot der Früchte künden vom Sommer, der bald schon dem Herbst weicht und dessen kühlen Winde das bunte Laub durch die Luft tanzen lassen. Der Winter zaubert glitzernde Blumen aus Eis auf die Scheibe und seine Stürme wirbeln Flocken durch die Nacht. Die Sonne wechselt mit dem Mond im ewigen Kreislauf des Lebens und wenn der Himmel sein Sternenzelt über uns ausbreitet, schickt er uns süße Träume. Gesichter eilen vorüber, eingefangen von unseren Augen nehmen wir sie mit für eine Weile. Stimmen und Kinderlachen wehen durch das Fenster herein, manche Hand streckt sich nach uns aus, so manch einer nimmt Platz an der gedeckten Tafel und verweilt.

Das Leben fließt vorüber in all seiner Fülle, in Üppigkeit und Pracht, Stunden des Lichts folgen Stunden tiefster Nacht. Was wir nicht festhalten, versinkt im Nichts, im Vergessen, anderes bleibt und entfaltet sich in uns, es bleibt erhalten, tief verwurzelt in der Erinnerung.

Und plötzlich ist das Fenster blass, fast leer. Der Blick hinaus ist jeden Tag neu, das Blatt, das vom Baume fällt, unbekannt und nie gesehen. Kein bekanntes Gesicht, auf das dein Blick fällt. Fremd ist alles, was draußen vor dem Fenster erscheint, fremd und nicht zu fassen. Das Fenster wird zur Grenze zwischen dem Draußen und dem Drinnen in dir.

Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute entgleitet ins Nichts …

Und ich weiß, das alles ist ein langer, langer Abschied …

Für C.


Responses

  1. Nachdem meine Eltern in unsere Nähe gezogen sind und mein Stiefvater gestorben ist, genießt meine Frau Mutter den Ausblick im Erdgeschoss. Wenn der Gärtnergatte läuft, reicht sie ihm durch’s Fenster Wasser, man bekommt auch schnell mal ein kleines Eis gereicht oder bringt einen Blumengruß und reicht ihn durch’s Fenster, wenn die Zeit nicht für viel mehr reicht…
    Ich bin sehr froh, dass dies so ist.
    Liebe Grüße

  2. Was für ein nachdenklicher Text zu einem wunderschönen Ausblick aus dem Fenster auf dem Foto. Ja, manches versinkt im nichts, doch manches bleibt und wurzelt…

    Ganz liebe Grüße sendet
    Marlis

    • Danke für Deinen Kommentar. Die Worte sind meiner Schwester gewidmet, die seit einem halben Jahr leider zu den Menschen gehörte, die die Welt außerhalb des Fensters jeden Tag und jede Stunde neu erleben … Vergangenen Dienstag hat sie den Kampf gegen das Vergessen und die Krankheit leider verloren … Das sind die schwarzen Stunden, die uns immer wieder ereilen.
      LG, Eberhard

      • Das tut mir sehr leid und ich kann mir die Schwere des Kampfes vorstellen und die Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Die Ohnmacht, zusehen zu müssen ist sicher sehr schwer. Kraft wünsche ich dir und dass sich nach und nach schöne Erinnerung einstellen, die die Trauer überwiegen werden.
        Liebe Frühlingsabendgrüße von
        Marlis

      • Herzlichen Dank für Deine Worte.
        LG, Eberhard

  3. Mein herzliches Beileid!
    Ja, das sind gewiß schwere Tage für Dich…
    Liebe Grüße, Petra

    • Ich danke Dir sehr für Deine Worte. Ist nicht einfach, über so etwas hinwegzukommen.
      LG, Eberhard

      • Ja, das ist sicher sehr schwer… ich sende Dir Kraft und Lebensmut.
        LG, Petra


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