Verfasst von: eleucht | 25. Dezember 2015

Ein Festmahl

Ein Festmahl

I.

Die Tafel bog sich unter der Last der aufgetragenen Speisen. Auf Tellern aus feinstem Porzellan türmten sich die erlesensten Kostbarkeiten aus der gräflichen Küche, in der Mitte thronte, eingebettet in saftig grüne Salatblätter, ein Schweinskopf, in dessen Maul man einen rotwangigen Apfel gesteckt hatte. Wie Rubin funkelte der Wein in den kristallenen Gläsern. Die Lakaien schwebten wie dienstbare Geister um den Tisch herum, um den Herrschaften, dem Marquis de Soleis und seinen Gästen, zuvorkommend die besten Stücke vorzulegen. Madame de Villeroque schlürfte mit spitzen Fingern eine Auster, ihre Mutter schob eben einen Teller mit einem saftigen Fleischstück, von dem sie kaum einen Bissen gegessen hatte, wieder zurück, um sich heißhungrig das Dessert, welches ihr ein Lakai in einer silbernen Schüssel kredenzte, in den Mund zu stopfen.

„Ein Löffelchen Kaviar?“, reichte der Marquis Madame de Villeroque ein hauchzartes Porzellantellerchen.

Das Klappern der Löffel, Gabeln und Teller begann zu verstummen. Eine satte Zufriedenheit machte sich unter den Gästen breit. Madame de Villeroque nippte an einem Gläschen Wein, derweil ihre Mutter sich mit einer Serviette das Fett vom Kinn wischte.

„War alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, erhob sich der Marquis mit seinem verbindlichsten Lächeln von seinem Platz. „Dann darf ich die Herrschaften zu einer Partie Whist in den Salon bitten. Die Herren erwartet eine gute Zigarre, die Damen ein Glas Likör.“

Unter lautem Stuhlrücken erhob sich die Gesellschaft.

„Abräumen!“, wies der Marquis die Lakaien an und folgte seinen Gästen in den hell erleuchteten Salon, in dem ein prasselndes Kaminfeuer für behagliche Wärme sorgte.

Die Dienerschaft fiel wie ein Schwarm Fliegen über die Tafel her. All das, was die Herrschaften übrig gelassen hatten, saftige Fleischstücken, kaum angeschnittenes Brot, Eier, Speckseiten, Wurst und Früchte, füllte einen großen Trog. Zwei kräftige Lakaien waren nötig, um ihn aus dem Saal zu tragen.

 

II.

Der Wind blies kalt durch die nächtlichen Straßen der Stadt. Der alte Jacques schlug den Kragen seines zerschlissenen Gehrocks hoch und presste den Zylinder, dessen eingerissener Filz auch schon bessere Zeiten gesehen hatte, noch fester auf den Kopf. Ihm auf dem Fuße folgte der kleine Ovide. Er kramte in seinen Taschen und förderte nach langem Suchen etwas zu Tage, was er mit seinen verschlagenen Augen musterte.

„Lass deine paar Sous stecken“, knurrte Jacques, dem die Bewegung des Jungen nicht entgangen war. Die wenigen Münzen waren alles, was der Kleine am Ende eines langen Tages, den er wie immer mit Betteln verbracht hatte, besaß.

„Ich habe Hunger, Onkelchen“, widersprach der Kleine. Er mochte sechs oder sieben Jahre alt sein, aber das harte Leben auf der Straße hatte bereits Spuren in seinem jungen Gesicht hinterlassen, die nicht zu übersehen waren. „Wir sollten sehen, dass wir beim Krämer noch einen Kanten Brot bekommen. Du brauchst bestimmt auch wieder etwas Tabak für deine Pfeife.“

Gerührt, weil der Knabe seine wenigen Sous mit ihm zu teilen gedachte, legte Jacques seinen Arm um die Schulter Ovides. „Komm, mein Junge“, sagte er, „für uns soll es heute etwas Besseres als nur einen Kanten trockenen Brotes geben.“ Die Erfahrung eines langen, entbehrungsreichen Lebens blitzte in den Augen des Alten, als er den kleinen Ovide an der Hand fasste.

„Ja, Onkelchen“, rief der begeistert aus „du weißt immer genau, wo es die besten Leckerbissen zu holen gibt.“

„Dann lass uns keine Zeit verlieren, damit uns niemand zuvorkommt.“

Wenig später hatten die beiden ihr Ziel erreicht. Sie näherten sich der rückwärtigen Seite des Palais de Soleis. Die Dunkelheit, die über dem nicht eingezäunten, verwilderten Park lag, verschluckte die beiden zerlumpten Gestalten. Die Fenster im ersten und zweiten Stock des mächtigen Baus waren hell erleuchtet und vermittelten den beiden Landstreichern ein Gefühl von Wärme und Behaglichkeit. Eben traten zwei Lakaien aus der kleinen Pforte des Hinterausgangs und entleerten einen großen Kübel in ein altes, mit Dreck bespritztes Fass.

„Sieh nur“, holte der alte Jacques gleich darauf eine angebissene Fleischscheibe aus dieser Tonne, die die erlesenen Abfälle des herrschaftlichen Hauses barg, hervor. Er reichte dem Knaben dazu noch ein Stückchen Brot. Heißhungrig hieb der Kleine seine Zähne in den Fleischfetzen, derweil der Alte noch weitere Kostbarkeiten zu Tage förderte. „Ein wahres Festmahl!“, sagte er laut schmatzend. „Das dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“ Und er kleine Ovide nickte, eifrig kauend, zu diesen Worten.

„Das ist ja eklig!“, stieß einer der Lakaien, der diese Szene angewidert verfolgte, pikiert aus und stieß, schnell im herrschaftlichen Hause verschwindend, die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu.


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