Am Mittwoch dieser Woche hätte eigentlich der englische Moog-Synthesizer-Guru Mark Jenkins im Neuberinhaus Reichenbach auftreten sollen. Er hatte im vergangenen Jahr, als er seine Interpretationen von Mike Oldfields Tubular Bells und Pink Floyds The Dark Side of the Moon vorstellte, ja schon angekündigt, dass 2024 Kraftwerks Autobahn fünfzig wird. Erwartungsgemäß erschien der Musiker im Terminkalender des Neuberinhauses und des Bergkellers. Allerdings wurde das Konzert kurzfristig verlegt. Gründe und späterer Termin sind mir bis jetzt nicht bekannt. Ist aber kein Problem, denn just am Montag brach die gesamte Front meiner Immunabwehr zusammen und ein Heer von Viren ergriff Besitz von meinem Organismus. Mit weithin bekannten Folgen. Da wäre eine Stunde auf der Autobahn, selbst wenn sie im warmen Neuberinhaus stattgefunden hätte, sowieso nicht ratsam gewesen. Man möchte den Viren ja auch nicht unbedingt die Möglichkeit geben, sich weiter auszubreiten.
Das sollte aber kein Grund sein, an dieser Stelle nicht an Kraftwerk zu erinnern, die Gruppe, die einen so großen Einfluss auf die elektronische Musik in der ganzen Welt gehabt hat. Wie so oft aber zählt der Prophet im eigenen Land weniger. Autobahn wurde vor allem in den USA und im UK ein großer Erfolg. Am Rande sei vermerkt, dass die Amerikaner statt des „Fahr‘n fahr‘n fahr‘n auf der Autobahn“ „Fun fun fun auf der Autobahn“ verstanden haben. Viele von ihnen, die nach Deutschland kamen, hatten auf deutschen Autobahnen, auf denen es bekanntlich kein Tempolimit gibt, ja auch jede Menge Fun. Tempolimit ist laut unseres beliebtesten früheren Verkehrsministers Andi Scheuer ja auch gegen jeden Menschenverstand. Womit er den Deutschen offenbar bescheinigte, das einzige Volk zu sein, das sich den gesunden Menschenverstand bewahrt hat. Es wäre von Nichtinländern sicher nicht zu viel verlangt gewesen, für das Vergnügen, auf deutschen Autobahnen ohne Limit rasen zu dürfen, einen kleinen Obolus zu entrichten. Nennen wir es mal Ausländer-Maut. Ist ja bekanntlich nicht gekommen. Es wäre aber sicher auch gegen jeden Menschenverstand gewesen, für diese großartige (Schnaps)Idee nicht ein paar Millionen in den Sand zu setzen.
Im Original ist das Titelstück von Autobahn auf dem Album über 20 Minuten lang. Hier gibt es die kurze Version, die ein Hit in vielen Ländern geworden war.
