In der Nacht des 14. April 1912 kollidierte gegen 23.45 das Postschiff Ihrer Majestät, das den glorreichen Namen „Titanic“ trug, auf seiner Jungfernfahrt mit einem Eisberg. Im Ballsaal auf dem Passagierdeck hatte man dieses Malheur nur am Rande mitbekommen. So ist die Geschichte des deutschen Passagiers Hans Suppenkorn auch weithin unbekannt. Als der nämlich gerade dabei war, einen Schluck aus seinem Weinglas zu nehmen, vernahm er einen verdächtig klingenden Rums, außerdem verspürte er eine Erschütterung, die durch das ganze Schiff ging. Erschrocken stellte er das Glas zurück auf den Tisch und blickte sich um. Beinahe wäre er aufgestanden, um sich über die Ursache des ungewöhnlichen Geräusches zu erkundigen.
Doch er wurde, wie auch so manch anderer, zurückgehalten von einem Mann, dessen Namen jeder zu kennen glaubte, den jedoch nie jemand aussprach. Seine respekteinflößende Erscheinung mit dem massigen Körper und dem Stiernacken sowie dem bulligen Gesicht mit den militärisch kurz geschnittenen Haaren sorgte dafür, dass ihm überall und jederzeit Aufmerksamkeit zuteil wurde. Er bedeutete allen, sich wieder hinzusetzen und Ruhe zu bewahren. Es gäbe keinen Grund zur Sorge wegen einer möglichen Kollision. Schließlich wäre die Titanic nach allen Regeln der Ingenieurskunst derart gebaut, dass sie einfach nicht untergehen konnte. Allein auf Grund der Bauweise mit den 16 wasserdichten Abteilungen und dem verwendeten Material sei dieses Schiff unsinkbar. Abgesehen davon hatte man auch für überdimensional viele Rettungsboote Sorge getragen, nur für den Fall der Fälle, der nie eintreten würde.
„Play it again, Sam!“, wandte sich der nette Herr dann mit Worten an den Kapellmeister, die erst Jahre später durch den Film „Casablanca“ eine ungeahnte Popularität bekommen sollten. Da haute nicht nur der Piano Man, bei dem es sich dem Vernehmen nach nicht um Billy Joel gehandelt haben soll, in die Tasten, das ganze Orchester spielte einen Strauß bunter Melodien. Mehrfaches Knallen kündete nur vom Öffnen neuer Flaschen des teuersten Champagners, der golden in den blank polierten Gläsern vor sich hin sprudelte, Paare wogten über die Tanzfläche wie Wellen auf dem bewegten Meer. Das Schmettern des Blechs und das Jubilieren der Geigen übertönte die kratzenden Geräusche, mit denen sich der Eisberg tiefer in den Stahl des Schiffes bohrte, niemand vernahm das wilde Rauschen des Wassers, das eine Schneise der Verwüstung in die unteren Decks schlug, in den angeregten Gesprächen und dem lauten Lachen des feiernden Volkes gingen gingen die Schreie und Hilferufe der Passagiere der 2. und 3. Klasse einfach unter. Die aufgeklärte Gesellschaft sah der Katastrophe mit großer Gelassenheit entgegen.
Hans Suppenkorn, das Weinglas in der Hand, ließ das blonde Mädchen am Nachbartisch nicht aus den Augen. Wenn der blasierte Jüngling mit der spitzen Nase neben ihr endlich aufhören würde, auf sie einzureden, würde er sich vielleicht ein Herz fassen und sie zum Tanz auffordern. Sie war ihm schon aufgefallen, als er an Bord gegangen war. Sie war direkt hinter ihm gelaufen, er hatte ihren warmen Atem im Nacken gespürt.
Als sich der Boden im Ballsaal schon bedenklich zur Seite neigte, wäre beinahe erneut Panik unter den Feierenden ausgebrochen. Weder das Tosen des Wasser, das sich einen Weg durch die Decks bahnte, noch die Schreie „In die Rettungsboote!“ konnten überhört werden.
Zum Glück aber befand sich unter dem beunruhigten Volk jener erfahrene Mann, dessen Namen jeder zu kennen glaubte, den aber niemand aussprach, der mit seiner beeindruckenden Statur und seiner Stentorstimme für Ruhe sorgte. Beschwichtigend hob er beide Arme und erklärte: „Wir brauchen keine Rettungsboote! Wir sind sicher! Das ist alles nur linke und woke Propaganda, die euch verunsichern will.“
Hans Suppenkorn, der endlich die Frau seiner Träume in den Armen hielt, schwebte weiter über das Parkett in den siebten Himmel. Es gab nur eins, was schräger war als die Neigung des Bodens unter seinen Füßen, das war der Klang des Walzers, den die bereits stark dezimierte Kapelle spielte.
Als Hans Suppenkorn viel später aus dem süßen Traum erwachte, stand er bis zu den Knien auf dem Oberdeck im Wasser und klammerte sich verzweifelt an die Reling, um nicht in die See gespült zu werden. Er konnte vor sich die überfüllten Rettungsboote sehen, die wie Nussschalen auf den sturmgepeitschten Wellen tanzten. In einem der Boote ganz vorn bemerkte er auch die kräftige Statur des Mannes, dessen Namen jeder zu kennen glaubte, den aber niemand je ausgesprochen hatte. Gerade stieß er grob eine Frau zur Seite, um selbst genug Platz auf dem schmalen Sitz zu haben. Dazu bellte er Anweisungen in Richtung der Matrosen, die mit ihren Rudern einen aussichtslos scheinenden Kampf gegen die entfesselten Elemente führten …

