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Stephen King wird gemeinhin als Meister des Horrors bezeichnet, seine Romane aber spiegeln gerade in den letzten Jahren immer mehr auch die gesellschaftlichen Veränderungen in Amerika wider. Er schrieb über die Bush-Ära und die Obama-Jahre. Vieles mag wie ein Hintergrund wirken, vor dem sich die Haupthandlung entwickelt, aber diese Beschreibungen sind ein wichtiges Stilmittel, denn sie zeigen dem Leser, wie die Menschen mit den gesellschaftlichen Herausforderungen umgehen, wie diese auf sie wirken und wie sie innerhalb dieser gesellschaftlichen Spannungen agieren und reagieren. Dabei taucht Stephen King immer wieder tief in die dunkelsten Abgründe der menschlichen Seele ein, denn genau dort hat der wahre Horror seinen Ausgangspunkt. Ein unerschöpflicher Quell größter Qual und unvorstellbarer Schrecken.
Der Roman „Holly“ spielt in den Pandemiejahren. King macht beim Schreiben keinen Hehl aus seiner eigenen Einstellung zum Thema Corona und Impfen. Anhänger der MAGA-Sekte und der Querdenker dürften an der Lektüre dieses Romans also alles andere als ihre helle Freude haben. Okay, die haben dafür den Gehirnwurm von Robert F. Kennedy Jr., kurz gesagt, den wahren Horror im Gesundheitsministerium. Hinzuzufügen wäre noch, dass Stephen King seine Hauptfigur ziemlich hypochondrisch angelegt hat und sie deswegen besondere Rücksicht im Umgang mit dem Virus und den Mitmenschen walten lässt.
Holly Gibney ist eine Privatermittlerin, die als Figur schon in einem früheren Roman von Stephen King einen Auftritt hatte. Der Autor hat sie offenbar so ins Herz geschlossen, dass er sie zur Hauptfigur eines großen Romans machte. Sie ermittelt in der Sache einer vermissten Person. Bei ihrer Recherche stößt sie auf ähnliche ungelöste Fälle.
Der Schrecken kommt in diesem Roman mit arthritischer Langsamkeit, mit Pantoffeln und einem Schlafanzug, der mit Feuerwehrautos bedruckt ist, in den Keller, um sich um seine Opfer „zu kümmern“. Es ist nichts Neues bei Stephen King, dass der Horror oft dem ganz Banalen entspringt. Was das emeritierte Professorenehepaar Rodney und Emily Harris im Glauben, etwas für eine längere Lebenserwartung und gegen die Gebrechen des Alters zu tun, anrichtet, findet man tatsächlich nur in den allertiefsten und schwärzesten Abgründen der Seele. An einer Stelle im Roman heißt es: „Sobald man meint, man hätte das Schlimmste gesehen, was Menschen zu bieten haben, stellt man fest, dass man sich geirrt hat. Das Böse ist einfach grenzenlos.“
Man kann dem Autor förmlich bei der Arbeit zusehen, wie er akribisch alles vorbereitet, dass seine Heldin Holly in ihr Verderben rennt und in die Fänge des Ehepaares gerät. Man leidet mit ihr.
Das alte Ehepaar Rodney und Emily Harris, die Verkörperung des Bösen in diesem Roman, steht dabei sinnbildlich für all die Verschwörungsmythen, die seit der Pandemie immer mehr um sich greifen und in das Bewusstsein der Menschen eindringen. Die beiden glauben, im Besitz von Informationen zu sein, die sie über alle anderen erheben, und sie tun alles dafür, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Sie setzen das Unaussprechliche in die Tat um. Gelegentlich kommen ihnen leichte Zweifel, ob ihr „Wissen“ tatsächlich den Tatsachen entspricht oder ob sie einem Irrweg folgen. Doch die beiden stecken zu tief drin (im Verbrechen), sie haben bereits zu viel investiert und riskiert, sodass eine Umkehr ganz einfach nicht in Frage kommt, nicht in Frage kommen kann. Und genau darin liegt der ganz normale Wahnsinn, der Schrecken, der sich dem Leser in diesem Roman in beängstigender Klarheit offenbart.
