
Nun befindet sich Buckelwal Timmy also real in einer Situation, wie sie Erwin Schrödinger für ein Gedankenexperiment mit der berühmten Katze beschreibt. Der Wal lebt und ist gleichzeitig tot, er wurde gerettet und gleichzeitig dem Tod überantwortet. Gewissheit könnte erst eine Messung bringen, indem irgendjemand den Wal fröhlich durchs Wasser ziehen sieht oder ihn tot auf dem Meeresboden findet. Bis dahin ist er weder das eine noch das andere, er ist beides gleichzeitig. Ein Zustand also, den sowohl die Retter als auch die Kritiker der Rettungsaktion für sich in Anspruch nehmen können.
Die neuen Leiden des jungen T. – da hat man den gestrandeten Wal also mit einer Barge (nun weiß auch die Landratte, was das ist) vom flachen Wasser und den Sandbänken der Ostsee kilometerweit ins offene Meer geschleppt. Wale besitzen einen ausgesprochen guten Gehörsinn, das ist ihr primäres Sinnesorgan. Sie empfangen die Schallwellen über Unterkiefer und Gewebe, die sie ins Ohr weiterleiten. Nun krachte Timmy bei hohem Seegang immer wieder gegen die Wände der Barge, wie es in den Meldungen hieß, was dem verletzten und geschwächten Wal einfach nicht gut tun konnte. Außerdem dürfte sich das Tosen der Wellen gegen das Blech der Barge für den Wal angehört haben, wie wenn ein Freund des gepflegten Schlagers einem stundenlangen Heavy-Metal-Konzert ohne Pausen ausgesetzt ist. Wobei ich behaupten möchte, dass dieser Vergleich wohl eher noch unzureichend ist.
Es ist schon erstaunlich, dass beinahe jeder Moment mit Timmy ins Netz gestreamt wurde, vom Zeitpunkt der Aussetzung in die Freiheit aber gibt es … nichts. Gar nichts. Gerede von Vitaldaten von Timmy, als würden GPS-Sender Vitaldaten übertragen. Vielleicht hat er ja eine Smartwatch getragen. Man weiß es nicht. Dafür streiten sich die Retter mit der Crew des Schiffes und dem Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern wie die Kesselflicker. Will man von der eigentlichen Frage ablenken: Wie geht es Timmy? Wenn der Wal zu schwach zum Schwimmen, zum Tauchen und wieder Auftauchen ist, dann ist er einem furchtbaren Tod durch Ersticken erlegen. Wer möchte dafür die Verantwortung übernehmen nach dem wochenlangen Medienspektakel?
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus hatte immerhin eine fünfzigprozentige Chance gehabt, dass die Sache, für die er sich engagiert hat, gut für ihn ausgeht, wenn er sich der Wissenschaft verschließt und dafür den lautstark pöbelnden Schwurblern Gehör schenkt.
Aber wie gesagt, Schrödingers Wal befindet sich im Augenblick noch in zwei verschiedenen Zuständen …
