Verfasst von: eleucht | 16. April 2011

Bad Elster im April – „Wettiner Hof“

Die Natur erwacht langsam aus dem Winterschlaf, noch spärlich sprießt das zarte Grün, das vom Kommen des Frühlings kündet.

Das triste Grau, in das sich dieser Tag Mitte April hüllt, passt recht gut zum Erscheinungsbild des Gebäudes, das die Besucher des Königlich Sächsischen Staatsbads Bad Elster empfängt. Die Monarchie liegt in Trümmern, rein symbolisch gesehen. Es handelt sich um den „Wettiner Hof“ und es war einst das erste Haus am Platz. Das ist lange her.

Seitdem gilt das zerfallende Gebäude als Schandfleck der Stadt, den sie natürlich so schnell wie möglich loswerden möchte. Verständlich.

Und doch – es hat etwas, dieses alte Gemäuer. Einen Augenblick versunken im Anblick der Fassade spürt man das Echo des bourgeoisen Charmes einer vergangenen Epoche, hinter abgefallenem Putz, bröckelnden Ziegelsteinen und zerschlagenen Fensterscheiben ahnt man den Charakter, der ihm einst innewohnte, spürt man seine Seele.

Moderne Digitalkameras verfügen über Funktionen, mit deren Hilfe man zum Beispiel Grün- und Blautöne von Landschaften leuchtender und klarer oder Haut und Haare bei Porträts weicher wiedergeben kann. Schade, dass es keine Funktion gibt, die solche zerfallenen Gemäuer in altem Glanz erstrahlen lassen, mit all dem Leben und der Geschäftigkeit, die es in vergangener Zeit erfüllten. Man könnte noch einmal die vornehmen Leute aus der besseren Gesellschaft sehen, jeder von ihnen auf seine ganz besondere Art wichtig, wichtiger oder am wichtigsten und vor allem sehr elegant und gediegen und in teuren Zwirn gewandet, dass man in Gedanken Max Raabe und sein Palast Orchester aufspielen hört.

Die alten Gemäuer sind erfüllt von Schicksalen, die vielleicht noch in unsere Zeit hineinwirken. Kurz fühle ich mich an das Hotel in Stephen Kings „Shining“ erinnert. Welche Geschichten – dunkle, schöne, romantische, tragische – mögen sich hinter diesen Mauern ereignet haben? Die Fantasie eines Autors könnte sie einfangen.

Aber man wird sie wahrscheinlich nie zu hören bekommen. Das Schicksal des „Wettiner Hofes“ ist besiegelt, der Abriss nach langer Zeit beschlossen. Der Schandfleck wird aus der Stadt verschwinden – und mit ihm all die Geister, die das Schicksal an die Mauern des alten Gebäudes fesselte.


Responses

  1. spät gelesen und letztens hab ich gesehen, er ist weg.


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