Posted by: eleucht | 22. September 2012

„Mit gespaltener Zunge“ – Andrew Wilson

Adam Woods, der Ich-Erzähler des Romans, führt den Leser zu den Sehenswürdigkeiten von Venedig, zu den bekannten und den weniger bekannten. Nach dem Ende seines Studiums der Kunstgeschichte hat er seiner Heimat England den Rücken gekehrt, um in der Lagunenstadt ein neues Leben zu beginnen. Einen Roman zu schreiben ist sein erklärtes Ziel.

Doch mit dem fest eingeplanten Job als Privatlehrer wird es nichts. Stattdessen gelingt es ihm, als Assistent des Schriftstellers Gordon Crace eingestellt zu werden. Der schrieb vor vielen Jahren einen Bestseller, von den Einnahmen kann er bis ins hohe Alter gut leben. Der alte Kauz wohnt in Venedig zurückgezogen in einem Palazzo, den er nie verlässt. Seit jenem ersten Buch hat er nie wieder eine Zeile veröffentlicht. Der Kunstliebhaber Crace und der ehemalige Student der Kunstgeschichte und Schriftsteller in spe werden sich schnell einig und kommen sich bald schon näher. Mitten im harmonisch anmutenden Leben der beiden baut sich eine Spannung auf, die man beinahe mit Händen greifen könnte. Fast unmerklich fesseln die Handlung und die vielen Geheimnisse um das Leben von Gordon Crace den Leser. Je weiter man vordringt, desto schwerer fällt es, das Buch aus der Hand zu legen. Hinter den Schicksalen der beiden Männer tun sich Abgründe auf, die man ergründen möchte. Ein packendes Katz-und-Maus-Spiel nimmt seinen Anfang.

Adam Woods dringt Stück für Stück in das Leben des einstmals erfolgreichen Schriftstellers ein, er ändert seine Pläne in Bezug auf seinen eigenen Roman, er wird das tun, was bisher noch niemandem gelungen ist – eine Biografie über Crace schreiben. Und was er bald schon über dessen früheres Leben ans Tageslicht fördert, ist erschreckend. Seine Recherchen versprechen ein spannendes Buch zu werden, und mit seinem Wissen sollte es ihm auch gelingen, Craces Zustimmung zu erpressen. Denn kleinlich ist Adam Woods bei der Wahl der Mittel nicht, wenn es um die Durchsetzung seiner Pläne, die ihn zu einem erfolgreichen Autor machen sollen, geht.

Und trotzdem, oder gerade deswegen, ist noch lange nicht klar, wer von den beiden die Katze und wer die Maus, wer der Jäger und wer der Gejagte ist. Jenseits des Horizontes von Schuld und Sühne gibt es keine Sieger. Ein Kriminalroman, der viele Facetten menschlicher Abgründe aufzeigt.


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