Andere Herren im gesetzten Alter von 66 würden wahrscheinlich ihre Modellautosammlung archivieren und katalogisieren und mit einem Bud Light in der Hand im Schaukelstuhl den Sonnenuntergang genießen. Nicht so Neil Young, der mal eben, weil seit den Anfangsjahren der CD unzufrieden mit der Wiedergabequalität der Silberlinge und MP 3, ein neues Musikformat entwickelt hat– Pono genannt, es soll trotz Komprimierung den warmen und vollen Klang einer Vinylplatte haben – und entgegen aller Vorsätze eine Autobiografie namens „Ein Hippie-Traum“ verfasste, die es nun zu promoten gilt. Vor allem aber will er rocken, und dafür hat er eine Band namens Crazy Horse, die ihm schon seit unzähligen Jahren zur Seite steht. Mit „Americana“ haben Young & Crazy Horse dieses Jahr erst eine CD mit Folk-Standards im Rockgewand veröffentlicht, nun folgt das Doppelalbum „Psychedelic Pill“. Und das startet gleich mit dem längsten Stück, das er je für eine CD eingespielt hat. In „Driftin‘ Back“ erschließt sich dem Hörer das Young‘sche Universum, und das hängt voller Gitarren, die dröhnen, kreischen, jaulen, wimmern, grummeln oder grollen. Man braucht nur dem trockenen Schlagwerk von Ralph Molina zu folgen, um nach etwas über 27 Minuten zum Ziel zu finden. Drei Stücke der CD sind länger als fünfzehn Minuten. Das Titelstück ist eines der kürzeren und hält, was der Titel verspricht.
Ganz zum Schluss erwartet den Hörer der Höhepunkt, „Walk like a Giant“. Ein ungeschliffener Diamant von einem Song, in dem eine Menge Hitpotential steckt. Für andere vielleicht, nicht für Neil Young, der die eingängige Melodie hinter grobschlächtig gespielten Gitarren versteckt und seiner Spielfreude 16 Minuten lang freien Lauf lässt. Die vier Herren pfeifen gegen einen Gitarrensturm an – und die Melodie frisst sich beim Hörer fest, wird ihn womöglich nie mehr loslassen und tagelang weiter verfolgen. Am Ende stapft der Riese mit langsamer werdenden, mächtigen und schweren Gitarrenschritten durchs Land, ehe alles in einem kurz aufheulenden infernalischen Chor zusammenbricht.
Keep on rockin‘, Gitarrenbreitseiten, die den Mainstream zertrümmern, wenn man sich auf die CD einlässt. Neil Young zeigt ein weiteres Mal, wie richtiger, ehrlicher Rock zu klingen hat, brachial, kompromisslos und vor allem sehr verspielt. Hier gibt’s noch was auf die Ohren:

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