Posted by: eleucht | 16. April 2013

“Die Sünde des Abbé Mouret” – Emile Zola

Die Sünde des Abbé Mouret 001Nun bin ich auch aufs E-Book gekommen, nach anfänglichem Zögern, einigen Zweifeln und dem Abwägen von Vor- und Nachteilen habe ich mich durch das Angebot der E-Book-Reader gekämpft und bin schließlich fündig geworden. Ohne hier irgendeine Produktempfehlung abgeben zu wollen, ein reiner E-Book-Reader ist es am Ende trotzdem nicht geworden, aber eine mobile Bibliothek könnte ich nun (fast) überallhin mitnehmen. Ganz ersetzen wird das E-Book die Printausgaben bei mir aber nicht. Ich sehe darin eine gute Alternative für die Lektüre unterwegs oder zwischendurch.

Dass die E-Book-Zeit bei mir ausgerechnet mit der „Sünde des Abbé Mouret“ von Emile Zola beginnt, mag wie ein Anachronismus erscheinen. Aber Zola zählt nun mal zu meinen unangefochtenen Lieblingsautoren. Und wenn ich zurückblicke, so ist die „Sünde des Abbé Mouret“ das Buch, welches ich am häufigsten gelesen habe. Es ist eine der schönsten Liebesgeschichten der Literatur überhaupt, und eine der tragischsten. Dabei ist dieses Buch als Teil der 20-bändigen Rougon-Macquart-Reihe, die den Niedergang einer Familie im 2. Kaiserreich zum Inhalt hat, mehr als nur ein sentimentaler Liebesroman für höhere Töchter. Der Roman spiegelt vor allem die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit wider.

Die Taschenbuchausgabe dieses Romans, die schon ein paar Jahrzehnte auf dem (Buch)Rücken hat und von der übrigens auch das Coverbild stammt, erschien im Verlag der Nation Berlin und ist im Vergleich zum neueren E-Book in einer moderneren Sprache geschrieben. Das E-Book orientiert sich bei der offenbar wortgetreuen Übersetzung mehr am Original. Es ist keine Frage, welcher der beiden Ausgaben man dem Vorzug geben sollte, eine Übersetzung in modernem Deutsch ist für den heutigen Leser natürlich besser lesbar und leichter zu verstehen, ohne dass die ungeheure Sprachgewalt des Autors darunter leidet. Die Version des E-Books bringt dem Leser dafür die Ausdrucksweise von Zolas Zeit näher, wobei man immer wieder über Begriffe, Wortzusammensetzungen und Satzgebilde stolpert, die heute kaum oder gar nicht mehr gebräuchlich sind. Sichtbar wird das unter anderem schon bei der Übertragung von Namen, aus dem eher altehrwürdigen Sergius und seiner Schwester Desiderata werden in der „Ost-Übersetzung“ Serge und Desirée, aus dem Paradeis, jenem zauberhaften Garten, das Paradou.

Der Roman ist vor allem auch eine Allegorie auf das Leben, das Leben, das Geburt, Liebe, Fruchtbarkeit und Freude beinhaltet, er ist ein Bekenntnis zum Leben. Der Mittelteil ist angelehnt an die biblische Vertreibung aus dem Paradies, der die Unterwerfung unter die Zwänge eines gesellschaftlichen und klerikalen Reglements folgt, das dem Leben und dem unschuldigen Glück zweier Liebender einen Kult des Todes und des Leidens entgegensetzt und in der Person des grobschlächtigen Bruders Archangias einen fanatischen Frauenhass predigt.

Eine Schlüsselszene des Romans ist zweifellos, als Albine, die zurückgewiesene Geliebte des Abbés, zu ihm in die Kirche kommt, um ihn zurückzugewinnen. Mouret beschreibt ihr anhand der in der Kirche angebrachten Bildnisse die Leiden Jesu auf dem Kalvarienberg, seinen Leidensweg zur Kreuzigung, das Mädchen setzt die Freuden des Lebens und der Liebe, die Schönheit der lebenden Natur, den Duft der bunten Blumen und Blüten ihres Paradiesgartens dagegen.

Serge Mouret ist keineswegs ein hartherziger Kleriker, er leidet selbst unter dem Verlust und dem Verrat, er ist fanatisch in seinem Glauben und gleichzeitig schwach und nach langen Kämpfen mit sich selbst bereit, zu sündigen – und wird am Ende doch alles verlieren … Es ist diese Schwäche, die jedes Gefühl in ihm tötet, in deren Kälte sein Herz erfriert und die ihn schließlich entmannt.

Emile Zola, der große Naturalist, zeichnet mit seinen Worten in jedem Kapitel ein großflächiges impressionistisches Gemälde, in allen erweckt er die üppige, lichtdurchflutete Farbenpracht des blühenden Lebens, bis die Schatten des Todes darauf fallen.

Vielleicht ist das Paradies ja etwas, das wir erst erkennen, wenn wir es verloren haben und es kein Zurück mehr gibt.


Kommentar verfassen

Kategorien

%d