Verfasst von: eleucht | 31. Oktober 2015

Geisterstunde

Eger 012Von irgendwoher wehte der Wind den traurigen Klang einer Kirchturmglocke. Sie schlug Mitternacht. Dunkel war es, still und ungemütlich kalt und feucht, nicht gerade der Ort, an dem sich Olaf Müller gewöhnlicherweise aufhielt. Jedenfalls nicht um diese Zeit. Überhaupt, er fühlte sich ganz und gar nicht wohl, es war viel zu kalt und es roch nach Moder und Verwesung.

Kein Wunder, er befand sich auf einem Friedhof, wie er an den Kreuzen und Grabsteinen um sich herum unschwer erkennen konnte. Daher rührte also dieses seltsame, ungewohnte Gefühl des Alleingelassenwerdens, das so gar nicht typisch für ihn war. Aber wie war er hierher gekommen?

Richtig, man hatte ihn getragen, kehrte langsam die Erinnerung zurück. Und da, direkt über sich, las er einen Namen, der mit goldenen Buchstaben in einen noch recht frischen Grabstein eingraviert war: Olaf Müller. Das war er. Darunter zwei Jahreszahlen, 1984 und 2015. Letztere war mit einem Kreuz versehen. Wie ein Schlaglicht kehrte da plötzlich die Erinnerung an jene denkwürdige Nacht zurück …

„Du Idiot!,“ riss ihn da plötzlich eine Stimme, die sich anhörte wie eine Kreissäge, aus seinen Erinnerungen.

„Konstantin!“, freute sich Olaf, den alten Freund an diesem ungewohnten Ort wiederzusehen. „Du bist auch hier?“

„Wo sonst?!“ Die Kreissäge schien auf einen rostigen Nagel gestoßen zu sein.

Konstantin sah aus wie immer. Nur dass sein Körper irgendwie transparent zu sein schien, so dass man durch ihn hindurch die gesprenkelte Friedhofsmauer erkennen konnte. Also, und dieser Gedanke beruhigte Olaf Müller ungemein, sah auch er als untoter Toter oder Geist oder was auch immer ebenso aus, ein bisschen durchsichtig eben wie dünner Kaffee, und wandelte nicht als klapperndes Gerippe mit kahlem Schädel und leeren Augenhöhlen, wie die Geister aus seinem Lieblingscomic, durch die Gegend. Natürlich, sein Skelett lag ja in diesem Sarg, ein paar Klafter tief unter der Erde, und moderte vor sich hin. Na, wenigstens war er wieder mit Konstantin, seinem besten Freund, vereint. Warum nur war der so übel gelaunt und machte ihm Vorwürfe, statt sich über das unerwartete Wiedersehen zu freuen? Wo er doch an seinem Zustand sowieso nichts mehr ändern konnte.

„Es ist alles deine Schuld!“, tobte Konstantin mit überschnappender Stimme weiter. „Du wusstest es ja wieder besser, statt ein Taxi zu rufen, musstest du mit dem eigenen Wagen fahren. Nach zehn Flaschen Bier!“

„Und drei Kognak“, ergänzte Olaf, der Vollständigkeit halber.

„Drei Kognak? Davon wusste ich ja gar nichts.“

„Hat ein Kollege ausgegeben. Hatte ich wohl nicht erwähnt, was?“

„Nein!“

„Aber ich habe dir doch gesagt, dass eigentlich nichts passieren kann. Die paar Kilometer auf einer Strecke, die ich im Schlaf fahren könnte! Auf dieser Straße haben die Bullen noch nie Alkoholkontrollen durchgeführt. Es war nichts zu befürchten. Mir ging es doch gut, ich fühlte mich prächtig, war durchaus in der Lage, ein Auto zu fahren.“

„Wie man sieht!“ Konstantin deutete auf seine transparente Gestalt, die im Dunkeln sogar leicht fluoreszierte. Ein schöner Effekt, fand Olaf.

„Es wäre doch auch gar nichts passiert, wenn …“, versuchte er sich zu rechtfertigen.

Doch Konstantin unterbrach ihn ungehalten: „… wenn du nicht auf die Idee gekommen wärst, dieses Auto auf der schmalen Straße zu überholen!“

„Na hör mal, ich schleiche doch nicht hinter einem Opa im Opel her! Außerdem hätte ich es locker geschafft, wenn du nicht wieder alles besser gewusst und mich davon abzuhalten versucht hättest. Dann wären wir vorbei gewesen, ehe das Auto auf der Gegenfahrbahn aufgetaucht ist.“

„Es war in einer Kurve, Mann! Du konntest doch gar nichts sehen.“

„Doch, ich habe alles gesehen, hatte alles unter Kontrolle. Ich hab’s ja geschafft, vorbeizukommen. Zugegeben, es war verdammt knapp.“

„Bis du beim Einscheren die Kontrolle über den Wagen verloren hast und von der Straße abgekommen bist!“

„Ja, was kann ich denn ich dafür, wenn da plötzlich ein Baum im Weg steht!“ Olaf sah ihn wieder deutlich vor sich, es war eine Eiche gewesen. Oder eine Buche? Vielleicht auch eine Erle. Auf jeden Fall riesengroß, mit einem mächtigen Stamm, tief in der Erde verwurzelt. Der Baum hatte Tempo 130 überlebt.

„Dabei hatte ich mich am Tag darauf mit Jasmin verabredet“, jammerte Konstantin, „der hübschen Blondine, die im Eis-Café bedient, weißt du …“

„Wer weiß, was dir alles erspart geblieben ist. Ich kenne die Familie. Glaub mir, du hättest eine herbe Enttäuschung erlebt …“

Und so stritten sie weiter, bis der Morgen graute und ihre Erscheinungen im ersten Licht, das über die Friedhofsmauer fiel, verblassten.


Responses

  1. Ein Geistergespräch zu Halloween mit ernstem Hintergrund…
    Liebe Feiertagsgrüße sendet
    Marlis

  2. Wunderschöne Fotos zu den Texten. Gruß Kyris


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