Verfasst von: eleucht | 7. August 2019

Leere

StairsDeine Nächte sind plötzlich voller Dunkelheit und Kälte, Lady Rachel. Sie sind leer, ohne Träume. Sternenlose Dunkelheit, in der sich sogar der Mond hinter Wolken verbirgt. Ein blasses Gespinst lässt ihn nur erahnen.

Einst bot die Nacht dir Schutz vor den aufdringlichen Lügen des Tages. Im warmen, flackernden Schein der Kerzen woben deine Gedanken und deine unausgesprochenen Wünsche sonnenlichtdurchflutete Träume. Du schwebtest mit wehenden Kleidern über duftende Sommerwiesen und zärtliche, weiche Lippen schworen dir in Küssen ewige Liebe aus tiefstem Herzen. Nacht für Nacht hast du dich an deine Träume geklammert, Lady Rachel, doch der Tag, der mit goldenem Sonnenschein in dein Zimmer brach, riss dich aus den Armen der süßen Fantasien. Wie oft hast du dir nichts sehnlicher gewünscht, als dass die Nacht nie zu Ende gehen möge. Doch der zarte Geigenton, dessen schmeichelnde Melodie dich durch die Träume geleitete, wich dem Schmettern der Posaunen, die den neuen Tag eröffnen.

In den Fluren und Sälen deiner hochherrschaftlichen Residenz verwandeln sich die Traumprinzen in Monster, deren schamlos schmachtenden Blicke dich beleidigen. Du hörst nicht die Worte, die hinter vorgehaltener Hand geflüstert werden, aber du weißt, sie gelten dir und sie sind alles andere als freundlich. Du fühlst dich wie eine Gefangene in einem Netz von Intrigen, das die monstergewordenen Traumprinzen tagtäglich weben. Die Angst schnürt dir die Kehle zu, doch du willst keine Beute sein. Für niemanden. Die Monster des Tages können nicht begreifen, dass die eisige Verachtung, die ihnen von dir entgegenschlägt, nichts anderes als ihr eigenen Spiegelbild ist.

Die Tage sind kalt, die Nächte dunkel und leer. Deine Schritte führen dich die Treppen hinab in den menschenleeren Park, dessen Pracht deinen Sinnen schmeichelt. Seine Einsamkeit schließt dich ein, legt sich wie ein schützender Arm um dich.

Ein Windhauch liebkost deine Haut, kühlt die Hitze des Tages und den unterdrückten Zorn, der in deinem Herzen brennt. Die feinen Härchen in deinem Nacken und deinen Armen richten sich in froher Erwartung auf. Hier ist der Ort, an dem du frei atmen und dich deinen Gefühlen, deinen Ängsten und deinen Träumen hingeben kannst. Niemand sieht das sehnsuchtsvolle Funkeln in deinen Augen, niemand hört die Worte, die du einzig dem Wind anvertraust, du bist niemandem Rechenschaft schuldig. Einzig dein Schatten, den das fahle Mondlicht wirft, folgt dir auf den verschlungenen Wegen. Und dieser Schatten schweigt. Du möchtest eins werden mit der Dunkelheit, mit dem Duft der Blumen, mit dem leise raschelnden Laub der Bäume, mit dem unbeschwerten Plätschern eines Bächleins, mit dem Zirpen der Grillen und dem Gesang der Nachtigall. Du möchtest eintauchen in dieses anheimelnde Gefühl völliger Hingabe, dich schwerelos darin wiegen. Doch etwas in deinem Inneren lässt dich frösteln, da ist das Bangen, dass jeder Herzschlag dich dem kalten Morgengrauen ein kleines Stückchen näher bringt.


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