
Es war mit Sicherheit nicht die schlechteste Idee, gestern Abend ein Rockkonzert zu verfolgen, statt mir das Drama der Europawahl im Fernsehen anzutun. Man hätte ja eh nur, und das mit wachsendem Frust, auf die Ergebnisse gestarrt. Dann schon lieber richtige Unterhaltung und etwas Progressives der Rückwärtsgewandtheit dieses Tage entgegengesetzt.

Jadis, eine Prog-Rock-Band aus dem Vereinigten Königreich, gab sich die Ehre im Reichenbacher Bergkeller, dem Wohnzimmer des Prog also. Der Sound dieser Gruppe ähnelt dem von IQ, der Überband des britischen Prog-Rocks. Was nicht verwundern sollte, schon als ich zum Soundcheck eintraf, erkannte ich Martin Orford an den Tasteninstrumenten. Der war für viele Jahre Keyboarder bei IQ. Als ein Lächeln des Erkennens mein Gesicht erhellte, grüßte er sofort freundlich zurück. Wann kommt man den Stars dieser Szene sonst schon mal so nahe? Nach dem Konzert habe ich mit ihm auch noch schnell ein paar Worte wechseln können, während er sich an der frischen Luft ein Bier gönnte. Im Mittelpunkt der Band steht Gitarrist und Sänger Gary Chandler, der, übrigens von Genesis-Gitarrist Steve Hackett beeinflusst, aus seinem Instrument Unglaubliches herausholt, melodiös, hart, verspielt, mit vielen Tempo- und Harmoniewechseln. Und wie fast alle Prog-Rocker streben auch Jadis nach Perfektion in jedem Ton.


Insgesamt ein großartiger Abend, an dem die Fans begeistert in den Klangwelten von Jadis versanken und tapfer der Hitze trotzten, die in der eher kleinen Räumlichkeit des Bergkellers herrschte. Ein schweißgebadeter Gary Chandler (im wahrsten Sinne des Wortes) nahm auch das mit Humor, einem Bier und einem Schnaps. Ja, so sind’s eben die Engländer.
