Posted by: eleucht | 20. Juni 2024

KASSANDRA


Den folgenden Text hatte ich vor vielen Jahren für ein Literaturforum geschrieben. Die Umstände waren damals ganz andere, aber wie ich sehe, ist das Thema heute aktueller denn ja. Ich habe den Text entsprechend angepasst.

Nein, Kassandra, niemand möchte länger hören, was du sagst und niemand wird dir Glauben schenken.

Niemand möchte etwas mit dir und dem, was du sagst, zu tun haben. Wieso auch? Niemand hat oder nimmt sich die Zeit, über deine Worte nachzudenken, jeder hat Anderes, Wichtigeres zu tun. Du siehst immer so schwarz. Woher kommt das nur? Immer diese düsteren Prophezeiungen! Das hysterische Geschrei einer Verrückten. Wer, glaubst du, interessiert sich in diesem postfaktischen Zeitalter für Tatsachen? Es geht doch längst nur noch darum, recht zu haben und das zu glauben, was ins eigene Weltbild passt. Selbst wissenschaftlich belegte Fakten, die du neuerdings glaubst anführen zu müssen, stören da nur. Der Schein, den zu vermitteln so viele Leute verstehen, ist doch viel schöner als die Wirklichkeit. Und Geld verdienen lässt sich mit Unwahrheiten übrigens auch sehr gut. So lange nur genug Menschen ihnen folgen, und den sensationsheischenden Überschriften, die vor allem extrem viel Empörung auslösen, folgen viele nur zu gern. Der Krieg der Fakten gegen die Lügen ist nur schwer, vielleicht gar nicht zu gewinnen. Mit einer Aufmerksamkeitsspanne, die der einer Eintagsfliege nur unwesentlich übersteigt, ist es unmöglich, komplexe Sachverhalte, Strukturen oder auch nur Zusammenhänge zu erkennen.

Ja, du hast dereinst den Untergang von Troja vorausgesehen, auch damals hat niemand deinen Worten Glauben geschenkt. Das reiche, mächtige, unbesiegbare Troja! Das ist schon lange her, die Welt hat sich verändert. Heute, in einer Zeit der Globalisierung und des Internets, besteht kein Bedarf mehr an Visionen, jedenfalls nicht an diesen Visionen, die dich immer heimsuchen. Und das Pferd, in dessen Bauch der Feind lauert, ist längst nicht mehr aus Holz. Aber es befindet sich bereits innerhalb unserer Mauern. Man kann das Offensichtliche sehen und man kann es nicht sehen wollen.

Du sagst, du erkennst die Zeichen, die wir nicht verstehen. Wann, bitte, hätten wir das je getan? Kassandra, wenn du deine Stimme erhebst, wirst du nichts anderes ernten als Hohn und Spott.

Hättest du doch nicht Apoll verärgert. Was nützt dir die schöne Sehergabe, wenn der Fluch, dass niemand dir glauben wird, auf dir lastet?

Die Denkmuster, in denen wir uns bewegen, sind zu festgefügt, als dass wir Risse in der Mauer der für die Ewigkeit erschaffenen Feste erkennen könnten. Aber wurde am Ende nicht auch der große Sieger, dem man den roten Teppich ausrollte, nur zur Schlachtbank geführt? Der Krieg kennt keine Sieger.

Du kannst nicht anders, als die Wahrheit zu sprechen. Siehst du nicht, dass deine Worte nur Verwirrung stiften und Widerspruch herausfordern? Ist es nicht ein Fluch, immer nur die Wahrheit sagen zu müssen? Man glaubt doch nur, was man glauben möchte. Vielleicht beneidest du die anderen sogar, denn mit schönen Lügen zu leben ist doch viel einfacher und bequemer. Deine Wahrheit prallt gegen eine Mauer aus Ignoranz und Selbstzufriedenheit, die einzige Antwort, die dir entgegenschallt, lautet: NEIN.

Ist es Segen oder Fluch, in die Zukunft blicken zu können? Deine Wahrheit ist zu unbequem, deine düsteren Visionen schrecken immer wieder aus dem Gewohnten auf. Niemand will sie hören. Man denkt lieber nur bis morgen und ist glücklich und zufrieden, nicht die Verantwortung für das tragen zu müssen, was wir tun. Oder zu tun unterlassen …


Kategorien

Entdecke mehr von One of these days

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen