Also, mein Name ist Hans-Otto Kassler … nee, ‘tschuldigung, Kessler. Ich bring’ da manchmal was durcheinander. Ich bin 73 Jahre alt. Als ich letztens im Fernsehen den Lindemann gesehen habe …, oder warte mal, war das nicht der von Rammstein?, … also den Winnemann oder Zinnemann oder wie der auch heißen mag, der im Fernsehen immer so wirkt, als hätte er den Spazierstock seines Großvaters verschluckt, der so geleckt daherkommt wie der Oberlord, der stets die Nase über alles und jeden rümpft und dabei den Eindruck erweckt, als ob ihn die ganze Welt ankotzt, als der also gesagt hat, dass die Rentner zu wenig arbeiten, tja, da hab’ ich gedacht, he, der Kerl hat recht! Und da dachte ich für mich, das muss ich mir nicht nachsagen lassen! Nee, ich nicht! Den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen und sich die … Na, Sie wissen schon. Damit ist jetzt Schluss! Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wie es vor Ewigkeiten mal in einem alten Schlager hieß. Wenn der Rentner gebraucht wird, um die Volkswirtschaft zu retten, dann hebt er seinen faulen Arsch vom Sofa und marschiert schnurstracks zum Arbeitsamt, oder wie der Verein heutzutage heißt.
Nun arbeite ich seit einer Woche in einem Stahlwerk. Täglich 150 km zur Arbeit und 150 km wieder zurück. Was soll’s, als Rentner hat man doch alle Zeit der Welt, oder nich’? Von wegen Rentner haben niemals Zeit. Ist auch nur so’n blöder Spruch der wohlstandsverwahrlosten Work-Life-Balance-Generation.
Der Chef ist auch sehr zufrieden mit mir, wie er mir letztens versichert hat, vor allem, weil ich zusagte, für den Mindestlohn zu arbeiten, auf Zulagen zu verzichten und gelegentlich mal ein paar Überstunden dranzuhängen. Unentgeltlich. Versteht sich von selbst. Schließlich, so meinte der gute Mann und klopfte mir jovial auf die Schulter, bekomme ich doch schon Rente. Wie recht er hat. Man möchte ja nicht unverschämt erscheinen, oder? Lieber etwas Dankbarkeit zeigen, dass man diesen tollen Job bekommen hat. Der Chef meinte noch augenzwinkernd, dass ich auf diese Weise so effektiv bin wie drei Mitarbeiter, die er nach Tarif bezahlen muss. Zur Kompensation hat er deswegen gleich mal zwei von denen entlassen.
Nicht mit 66 Jahren fängt das Leben an, wie dieser Udo – war’s der Lindenberg oder der andere? – mal gesungen hat, auch mit 73 kann das Leben noch mal anfangen, richtig spannend zu werden.

Hans-Otto Kessler, Mitarbeiter des Monats.
In Szene gesetzt von Copilot.
