Verfasst von: eleucht | 29. August 2010

Salli

Es ist schon eine kleine Weile her, da  riefen die morgendlichen News in der Tageszeitung plötzlich Erinnerungen wach, Erinnerungen, die eigentlich längst in der Bedeutungslosigkeit verschwunden waren, auch wenn sie einen nicht unwichtigen Teil des Lebens markieren.

Salli. Auf diesen Namen stieß ich, und das ziemlich unvorbereitet. Und dann noch Sallmann. Natürlich. Das musste er sein. Salli haben wir ihn damals – in einer anderen Zeit, in einem anderen Land – gerufen, wir, die wir uns zu seinen Freunden zählen durften. Der Text in der Zeitung bestätigt, dass es sich um eben jenen Salli handelt. Das Foto hätte es vielleicht auch getan, aber die Zeit hat eine gehörige Menge Abstand geschaffen, die eine gewisse Unschärfe zur Folge hat.

Die Erinnerungen, die nach und nach hochsteigen, gehören nicht gerade zu den schönsten. Wie könnten das Erinnerungen an den Wehrdienst in einer Armee wie der NVA auch sein? Wenngleich es, wie in allen Phasen des Lebens, auch viele schöne Momente gegeben hat. Natürlich. Licht und Schatten liegen immer nahe beieinander. Gelebte Freundschaft und erlebte Solidarität gehören dazu.

Wir waren ein Kreis, der sich öfters in der Bibliothek in der Kaserne traf, nach Dienstschluss, die kostbaren Minuten freier, unbeaufsichtigter Zeit an einem Ort, den man als Gefängnis empfand, nutzend. Dort, wo all die bibliophilen Schätze lagerten, die den unbedarften Soldaten auf den Klassenkampf und seine persönliche Rolle dabei einschwören sollten, ließen wir die Westschallplatten auf dem Plattenteller rotieren – Led Zeppelin, Pink Floyd – und tranken den unter Gefahren in die Kaserne geschmuggelten Alkohol. Manchmal auch Tee.

Und diskutierten über Dinge, die man innerhalb der Kasernenmauern eines totalitären Staates nicht ungestraft aussprechen konnte. Biermann, Renft, Demokratie, so etwas wie Freiheit, Träume, Hoffnungen …

Das Ohr der Stasi hörte mit. Das war eine Art dieser unnormalen Normalität, von deren Existenz man weiß, die man aber nicht bewusst wahrnimmt. Man dachte nicht ständig darüber nach, ob das, was man sagt, für gewisse Ohren möglicherweise nicht bestimmt ist.

Am 13. November 1976 erlaubten günstige Umstände Salli und mir in den nächtlichen Stunden in die Bibliothek abzutauchen und das legendäre Konzert Wolf Biermanns in Köln zu verfolgen, das schließlich zu dessen Ausbürgerung folgte. Die ideologisch geschulten und klassenkämpferisch gestählten Genossen Offiziere hatten am darauffolgenden Tag dann nichts Eiligeres zu tun, als diesen Umstand mit großer Genugtuung als bedeutenden Sieg des Arbeiter- und Bauernstaates zu verkünden.

Nun denn, unser Freundeskreis blieb nicht mehr lange bestehen. Ich wurde am Ende des zweiten Diensthalbjahres ins thüringische Bad Frankenhausen versetzt, das vielleicht ein schöneres Städtchen ist, als es meine vom Kasernenhofblick getrübte Erinnerung bewahrt hat.

Dass Salli wenig später verhaftet und in den Stasiknast Berlin-Hohenschönhausen gebracht wurde, sollte ich erst viel später erfahren. In der Zeit vorher pflegten wir noch Briefkontakt. Das Auge des Staates in Person von Stasimitarbeitern las unsere Briefe mit. Den Beweis fand ich Jahre später in meiner Stasi-Akte. Doch diese Korrespondenz mit Salli war nicht einmal konspirativ, wie man in bewährter Agentenmanier argwöhnte.

Noch etwas fand ich beim Lesen der Akte heraus: Die Stasi war zwar allmächtig aber nicht unfehlbar.

Na so was!

Was ist übrig geblieben von all dem nach dem Fall der Mauer – Salli schickte mir sein Buch „Kalte Zeit“ verbunden mit ein paar Zeilen, die man mit etwas gutem Willen als nichtssagend bezeichnen könnte. Abgespeist, das könnte es auch treffen. Irgendwie.

War das schon die Oberflächlichkeit des alteingesessenen Neu-Wessis? Der sich jenen überlegen glaubt, die erst dahin gehen, wo er bereits ist?

Das Leben, so weiß man aus eigener Erfahrung, lenkt den Blick auf das Wesentliche, alles andere bleibt zurück, weil die Zeit den Erinnerungen ihre Bedeutung raubt. Und Zeit ist seitdem eine Menge vergangen. C’est la vie.

Als ich dann in der Zeitung von Salli las, bekam ich das Gefühl, dass ihn die Schatten der Vergangenheit noch immer verfolgen.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders, vielleicht trägt er sein Dissidententum wie ein Banner vor sich.

Sicherheitshalber werfe ich einen Blick auf den Kalender, Doch, wir haben Juni 2010.

Das Buch „Kalte Zeit“ stand eine ganze Weile in meinem Bücherregal, in der mittleren Reihe ganz links. Es musste im Laufe der Zeit anderen weichen. Heute steht an dieser Stelle ein Bedienerhandbuch für Belinea-Monitore. Ist auch nichts, was ich in letzter Zeit mal in die Hand genommen hätte.


Responses

  1. […] von Leipzig nach Bad Frankenhausen hatte seinen guten Grund, über den ich bereits an dieser Stelle https://eleucht.com/2010/08/29/salli/ schon einmal geschrieben hatte. Im gleichen Jahr begann auf dem Kyffhäuser der Leipziger Maler […]


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