Ach ja, es ist mal wieder soweit. Der Souverän, das Volk also, wird wieder einmal zur Wahl gerufen. Wobei es der Begriff „gerufen“ vielleicht nicht so richtig trifft, es wird wohl eher geflüstert, um ihn, den Souverän, nicht aus der Lethargie aufzuwecken, in die ihn das wertkonservative Wohlfühlpaket, das die Kanzlerin uns seit Wochen vor die Nase hält, versetzt hat.
Ja, das ist die Zeit, in der wieder auf jeden Laternenpfahl ein bis zwei Politiker kommen, plakativ natürlich. Viele bunte Plakate, von denen nette Menschen herablächeln und die uns mit platten Sprüchen erheitern – ein untrügliches Zeichen, dass eine Wahl bevorsteht.
Die vier größten Fernsehsender der Republik und dazu noch Phoenix haben dieser Tage die große Redeschlacht zwischen Kanzlerin und Herausforderer übertragen. Das Medienereignis des Jahres hat gute Chancen, als Hit auf der nächsten Kuschelrock-CD zu landen. Wenigstens Stefan Raab hat sich redlich bemüht, die Phalanx der pastoralen Stichwortgeber mit den bedeutungsschweren Mienen zu durchbrechen, um das wohltemperierte Pianissimo der Wahlkampfworthülsen ins Deutsch des gemeinen Fußvolks zu übersetzen. Mission impossible. Was aber nicht an Stefan Raab lag. An der Kanzlerin prallt so gut wie alles, was man ihr verbal zuwirft, ab. Nein, abprallen trifft es nicht richtig, in ihr versinkt einfach alles, wie in einem Schwarzen Loch. Damit scheint es für alle Zeit unwiederbringlich verloren.
Dann aber – Überraschung! – taucht das verloren Geglaubte auf der anderen Seite des Schwarzen Loches (oder des politischen Spektrums) in leicht veränderter Form wieder auf.
Na also, geht doch nichts verloren, niemand wird vergessen. Nur keine Aufregung. Harmonie pur. So soll es sein. Nur nicht mit einem falschen Wort anecken, auf keinen Fall polarisieren, das könnte Unruhe erzeugen oder sogar Widersprüche heraufbeschwören und womöglich potenzielle und überzeugte Nichtwähler an die Wahlurnen treiben. Das wäre fatal. Man gewinnt Wahlen auch mit Stimmen, die gar nicht abgegeben wurden. Zum Beispiel.
Man braucht nur die ungeliebte Statistik, in der auch manche Politiker das Maß aller Dinge sehen, bemühen. Da erfährt man, dass 1972 die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl erstaunliche 92 Prozent erreichte. In jenem Jahr wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Bei der nächsten signifikanten Erhöhung der Wahlbeteiligung wurde uns Helmut, der Kohl, abgewählt und Gerhard Schröder Bundeskanzler. Damals herrschte im Land eine spürbare Aufbruchstimmung.
Die Frage ist also, ob bei dieser Wohlfühlkanzlerin, die die Mutterrolle perfekt auszufüllen scheint und damit die allgemeine Saturiertheit bestens bedient, wirklich eine Wechselstimmung aufkommen kann?
Alles Kalkül also? Alternativlos. Oder?

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