Posted by: eleucht | 2. Oktober 2013

„Die Landkarte der Zeit“ – Félix J. Palma

Landkarte der Zeit 001Ein junger Mann aus vornehmem Haus, gebildet und vermögend, verliebt sich unsterblich in eine Prostituierte. Leider fehlt ihm lange Zeit der Mut, sich für seine Liebe und gegen seine reiche Familie zu entscheiden. Als seine Geliebte dann ein Opfer des berüchtigten Jack the Ripper wird, ist es zu spät. Dass der heimtückische Mörder wenig später von der Bürgerwehr gefasst, anschließend verurteilt und hingerichtet wird, ist dem jungen Mann kein Trost. Wie könnte es das auch?

Halt! Der Leser stutzt. Die Identität von Jack the Ripper wurde bekannt? Er wurde verurteilt und hingerichtet? An der Geschichte kann etwas nicht stimmen. Oder?

Der junge Mann jedenfalls wird schwermütig und trägt sich mit Selbstmordgedanken. Gut, wenn man in solch einer Situation  Freunde hat, die im rechten Moment zur Stelle sind. Und die wissen, was zu tun ist. Ein gewisser H.G. Wells hat im gleichen Jahr nicht nur seinen Erfolgsroman „Die Zeitmaschine“ veröffentlicht, er ist auch im Besitz eines solchen Apparates. Mit dessen Hilfe möchte der junge Mann in die Vergangenheit reisen und und das Schicksal, das seine Geliebte traf, ungeschehen machen …

Ein junges Mädchen, ebenfalls aus gutem Hause, ist unzufrieden mit ihrem Leben und den Menschen ihrer Zeit. Sie wünscht sich einen richtigen Helden an ihrer Seite. Und den findet sie in einer fernen Zukunft. Nach dem Erfolg von Wells‘ Roman „Die Zeitmaschine“ hat ein dubioser Unternehmer auf abenteuerliche Weise ein Tor entdeckt, durch das man in eine andere Zeit reisen kann. „Murrays Zeitreisen“ führt die zahlungskräftigen Kunden ins Jahr 2000, in dem auf der Erde der Endkampf zwischen den grausamen Maschinenmenschen und dem Rest der Menschheit stattfindet. Es ist der Anführer der Menschen, der tapfere Hauptmann Shackleton, in den sich das junge Mädchen verliebt. Als die beiden sich später zufällig in der Gegenwart des 19. Jahrhunderts begegnen, bahnt sich ein großer Konflikt an, denn eigentlich ist diese Welt des Jahres 2000 nur eine große Illusion. Und wieder einmal muss H.G. Wells ran, um die Situation zu retten …

Und dann betreten noch Henry James und Bram Stoker den Schauplatz des Geschehens. Kamen James und Stoker wirklich in einem Spukhaus in London ums Leben? Und ist H.G. Wells wirklich ganz plötzlich, ohne eine Spur zu hinterlassen, verschwunden? Oder geschah das alles in einem dieser Paralleluniversen, wie sie die Landkarte der Zeit zeigt?

Félix J. Palma nimmt den Leser mit der antiquierten Sprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die an Verne und Wells erinnert, an die Hand und führt ihn schmunzelnd durch ein Labyrinth skurriler Situationen, die alle mehr oder weniger mit dem Phänomen der Zeit zu tun haben und reichlich verzwickte Konflikte heraufbeschwören. Manchmal führt Palma den Leser auch bewusst in die Irre, er wird ihm am Ende aber, wenn er die vielen verschlungenen Fäden der Handlung wieder zusammenführt, nicht im Unklaren über die Zusammenhänge und Hintergründe der Geschichte lassen.

Ein Buch, das mit nicht ganz ernst zu nehmenden Elementen des Steampunk eine Hommage an die Klassiker der Zukunftsliteratur wie Wells und Verne ist und vor allem eins macht: Spaß


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