Posted by: eleucht | 4. Dezember 2010

„Heimat Sch(m)olle(n) – Bettina Unghulescu

Heimat ist dort, wonach das Herz sich sehnt. Das stellt Bettina Unghulescu in ihren Erinnerungen an die Zeit, in der sie auf der Suche nach so etwas wie Heimat war, fest. Und Heimaterinnerungen sind das, was man daraus macht. Bettina Unghulescu macht ein Buch daraus.

Als Kind deutschstämmiger Rumänen, die dem Ruf ins gelobte Land folgten, bereits in Deutschland geboren, fühlt sie sich, wenn andere von Heimat reden und in Erinnerungen schwelgen, zwischen verschiedenen Welten. Auf der einen Seite die von Eltern und Verwandten in Erzählungen heraufbeschworene Heimat, die erst wieder schön und der Erinnerung wert wurde, seit man ihr den Rücken gekehrt hatte, und auf der anderen das gelobte Land, das die neue Heimat werden soll. In amüsant zu lesenden Anekdoten lässt die Autorin den Leser teilhaben an ihren Gedanken zum Thema Heimat, an Irrungen und Wirrungen und ihren Erfahrungen mit Deutschen aus Ost und West und Nord und Süd, mit einem Augenzwinkern und nicht ohne eine gehörige Portion Selbstironie erzählt. Erlebnisse aus dem bundesdeutschen Alltag, die doch gar nicht so alltäglich sind.

Heimat, so scheint es manchmal, ist etwas, das man zurücklassen muss, um sich später danach sehnen zu können, etwas, an dem Erinnerungen hängen und das wir mit bestimmten Menschen teilen. Dieses Gefühl ist also nicht unbedingt an einen bestimmten Ort gebunden. Diese Erfahrung  wird Bettina Unghulescu – und mit ihr der Leser – während der Geschichte machen.

Die besten Momente hat ein Buch, wenn es nicht nur unterhält, sondern den Leser mitnimmt auf eine Gedankenreise, wohin auch immer sie führen mag.

Denn plötzlich tauchte aus irgendwelchen Tiefen meines Unterbewusstseins eine Frage auf, die eigentlich längst unter der Last eines halben Lebens begraben liegen müsste: Was bedeutet für mich Heimat? Ja, was? Auf einmal stelle ich fest, dass die Antwort auf diese einfache Frage gar nicht so einfach ist. Und wieso sollte ich mir auch ausgerechnet jetzt Gedanken darüber machen? Aber der Prozess, einmal in Gang gesetzt, lässt sich nicht mehr aufhalten. Begleitet wird er von einer Flut von  Assoziationen, Erinnerungen und Bildern, von Namen, Gesichtern und Begebenheiten.

Heimat war für mich lange Zeit ein eher zwiespältiger Begriff, Heimat hatte den Mief des Provinziellen, dem ich am liebsten entflohen wäre. Es gab eine Zeit, da waren Sachsen und das Vogtland nur geografische Bezeichnungen oder hatten eine historische Bedeutung (Sachsens Glanz und Preußens Gloria). Sächsisch war vor allem ein unverwechselbarer Dialekt. Der jedenfalls war nicht unterzukriegen. Man lebte im Bezirk Karl-Marx-Stadt, Kreis Oelsnitz. Es fällt schwer, diese vom Staat verordneten Verwaltungseinheiten als Heimat zu definieren. Und das Land? Die DDR? Ich empfand sie als ein künstliches Gebilde, das man dem Volk übergestülpt hatte. Welcher Art Landsmann war man also? DDR-Bürger? Ein Begriff, der sofort das Bild eines typischen DDR-Zollbeamten beim Ausüben seines Dienstes an der Grenze heraufbeschwört. Schnell weg damit! War man Deutscher? Im besten Falle Deutscher zweiter Klasse, was man vor allem bei Reisen ins (befreundete sozialistische) Ausland schmerzhaft zu spüren bekam. Nicht von den Deutschen aus dem anderen Teil Deutschlands, eher von den befreundeten Ausländern oder ausländischen Freunden. Das eine wollte man nicht sein, das andere durfte man nicht. Kann verordnete Heimat überhaupt Heimat sein? Vielleicht nur in der Rückbesinnung, die mit einer (n)ostalgischen Verklärung der Vergangenheit einhergeht. Insofern haben Rumänen und Ostdeutsche also etwas gemeinsam.

In der Grundschule gab es das Fach Heimatkunde. Da wurden die jungen Schüler, die meist junge Pioniere waren, mit der Flora und Fauna der Heimat bekannt gemacht, lernten Sehenswürdigkeiten und deren Geschichte kennen und sammelten Mineralien, Kastanien und Eicheln. Vorenthalten wurde ihnen dabei aber ein nicht geringer Teil der Heimat, nämlich jener Grenzgebiet genannte Streifen an der innerdeutschen Grenze. Es gab dort schöne verschlafene Dörfer voller systemtreuer Genossen (die anderen hatte man vorsorglich ausgesiedelt), die auf keiner Wanderkarte verzeichnet waren und in die der Normalbürger keinen Schritt setzen durfte, ohne Gefahr zu laufen, sofort von einer schwerbewaffneten Patrouille verhaftet zu werden.

Der Mauerfall öffnete uns also nicht nur das Tor in den Westen, die Freiheit und die Wiedervereinigung, sondern auch die verschlossene Tür in nie gesehene Teile der Heimat. Man entdeckte plötzlich Ortsnamen, die man nie im Leben gehört hatte, und schöne malerische Flecken.

In gewisser Weise hat das Büchlein von Bettina Unghulescu meinen Blick auf die Heimat gelenkt und mich dazu gebracht, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Damit hat das Buch zweifellos seinen Zweck erfüllt. Was kann sich eine Autorin mehr wünschen? Abgesehen vom Literaturnobelpreis.

Ganz nebenbei habe ich, während ich noch Tschechisch büffelte, erfahren können, dass auch andere sich an der Aussprache von mit Häkchen versehenen Buchstaben abmühen, nur dass die Häkchen im Rumänischen wie ein schützendes Dach den Buchstaben krönen, während die Spitze des Häkchens im Tschechischen nach unten zeigt, als sollte wie durch einen Trichter noch etwas in den Buchstaben hineinfließen. Was es, wie im Falle des „ř“, bei dem sich zum R ein Zischlaut gesellt, ja auch tut. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und hier geht’s zum Blog von Bettina Unghulescu: http://bungbooks.wordpress.com/

 


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