Die de-Luxe-Ausgabe der neuen CD von Fiona Apple kommt als kleines Buch daher, was im Falle der Sängerin ein angemessenes Format ist, denn sie hat immer eine Menge zu erzählen, vornehmlich persönliche Dramen in epischer Breite.
Der vollständige Titel der CD lautet „The Idler Wheel Is Wiser Than The Driver Of The Screw And Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do“.
Nicht gerade verkaufsträchtig für eine CD, könnte man meinen. Aber erstens hat sich Fiona da noch relativ kurz gefasst, es gab schon eine CD mit einem viel längeren Titel, und zweitens ist Fiona Apple niemand, der sich von derartiger Argumentation auch nur im Geringsten beeinflussen ließe.
Als sie ihre erste CD „Tidal“ aufnahm, sagte man ihr, dass Piano-Musik gerade nicht angesagt wäre. Was sie aber noch lange nicht davon abhielt, genau so eine CD zu produzieren. Da war sie ein neunzehnjähriges Mädchen. Der Erfolg gab ihr recht, das Album wurde mit einem Grammy ausgezeichnet. Der „Shadowboxer“ aus eben jener ersten CD, den ich zum ersten Mal auf der Promotion-Beilage einer bekannten Musikzeitschrift hörte, haute mich glatt aus den Latschen. Kurz darauf stand „Tidal“ in meinem Plattenschrank.
Sechzehn Jahre ist das inzwischen her. Eine unheimlich lange Zeit im Musik-Business. Und „The Idler Wheel …“ist seitdem erst die vierte CD.
Die Fans von Fiona Apple brauchen Standvermögen und Geduld. Aber das Warten hat sich bisher stets gelohnt.
Das ist keine Musik, die sich leicht konsumieren ließe. Manche würden sie als sperrig bezeichnen. Und Trends spielen in der Welt von Fiona Apple sowieso keine Rolle. Ihre CDs enthalten 100 Prozent Fiona Apple, und was das ist, lässt sich so einfach nicht definieren. Sie verschließt sich jeder Kategorisierung. Da gibt es fiebrigen Jazz in „Left Alone“ und die ineinander verwobenen, umeinander tanzenden Stimmen von „Hot Knife“. Nichts an ihrer Musik ist alltäglich, nicht mal die Art, wie sie ihr Piano bearbeitet. Die musikalische Begegnung mit Fiona Apple spielt sich eher auf einer gefühlsmäßigen Ebene ab. Wenn man denn bereit ist, ihr zu folgen. Denn in ihrer Welt geht es alles andere als fröhlich zu. Was sie zu berichten hat, ist bitter ohne jede falsche Süße, ist voller Aggression, auch gegen sich selbst. Wo sich kein Ausweg findet, droht die Selbstzerstörung.
Die Songs auf dieser neuen CD entziehen sich erfolgreich gängigen Hörgewohnheiten, geht man auf sie ein, sieht man sich bald durch ein Labyrinth irren, und man weiß nicht, ob der kurze sanfte Lichtblick im Klang ihrer Stimme einen Ausweg markiert, und man weiß noch viel weniger, ob man durch diesen Ausgang die Welt von Fiona Apple wirklich schon verlassen will. Es ist keine Musik, die den Hörer mit eingängigen Melodien und Refrains an sich binden will, man bleibt von ganz allein, bis sich einem das Labyrinth in seiner ganzen – grausamen – Schönheit erschließt.
Vieles von dem, was sie zu sagen hat, teilt sich dem Hörer über den Klang ihrer Stimme mit; brüchig zerbrechlich, Wut und Zorn, Enttäuschung, Sehnsucht, Hoffnung. Aber dahinter stecken auch eine ganze Menge Stärke und Kraft. Und etwas davon nimmt der Hörer mit, wenn er am Ende das Labyrinth verlässt.

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