Verfasst von: eleucht | 20. Oktober 2015

„Kim & Struppi“ – Christian Eisert

Kim & Struppi 001Auch jemandem, der Erich Honeckers Arbeiter- und Bauernparadies als erlebte Wirklichkeit erfahren hat, wird das Leben in Nordkorea wie eine Welt vorkommen, die Captain Kirk auf seinen Reisen mit der „Enterprise“ durch die unendlichen Weiten des Alls nur noch nicht entdeckt hatte. Was vielleicht auch besser so ist. Für Kirk und Spock.

Autor Christian Eisert stammt aus Ostberlin und die Schule, die zu besuchen er die Ehre hatte, trug damals den schönen Namen „Schule der Freundschaft zwischen der DDR und der KDVR“.

Ein Vierteljahrhundert später reist der Autor schließlich persönlich nach Nordkorea, begleitet von einer vietnamesischstämmigen Fotoreporterin. Eisert arbeitete und arbeitet als Textschreiber fürs Fernsehen, u.a. für Harald Schmidt, Alfons und Gäste usw. Man kann sich den lockeren, humoristischen Ton, in dem das Buch geschrieben ist, also gut vorstellen, was dem ernsten Thema, aus der Distanz des heutigen Deutschlands betrachtet, eigentlich gut tut.

Bevor die Reise losging, mussten Biografien geändert und Spuren im Internet verwischt werden. Journalisten sind im totalitär geführten Land nicht gern gesehen, sie dürfen erst gar nicht einreisen. Von wegen der westlich dekadenten Lügenpresse. Also fast wie heutzutage zu manchen Gelegenheiten in Dresden, wenn besorgte Bürger begeistert Beifall klatschen, wenn Reporter und Journalisten zusammengeschlagen werden. Meinungsvielfalt ist schließlich schädlich für das Wohlbefinden der Bürger, das zwingt zum Denken. Wohin das führt, wissen vor allem Demagogen sehr genau. Als einen solchen darf man zum Beispiel Kim Jong-un durchaus bezeichnen.

Untertitelt ist das Buch mit „Ferien in Nordkorea“, was zweifellos schon den Gipfel der Satire darstellt. Dem Urlauber wird schon bei der Ankunft ein „Reisebegleiter“ zur Seite gestellt, der dem Gast die Schönheiten und Vorzüge des Landes im (parteipolitisch) richtigen Licht präsentieren soll. Der staatlich bestellte Guide bestimmt, wo es langgeht, was gesehen werden und was nicht fotografiert werden darf, zu welchem Zeitpunkt der Bus am Morgen startet und vieles mehr. Unterhaltsam wie ein Animateur auf einem Kreuzfahrtschiff sind dieses Guides also eher nicht. Dafür sehr konsequent, was die vorher bestimmte Route der Urlauber betrifft. Parteikader eben. Bürgern mit DDR-Vergangenheit dürfte das Wort ein Begriff sein.

Da dass aber an Observation noch lange nicht genug ist, finden sich überall, wo die Touristen in Nordkorea aufkreuzen, unauffällig verstreut herumstehende Männer in erdfarbener Kleidung, denen keine Aktivität der Gäste entgeht. Eisert nennt sie in Erinnerung an seine DDR-Erfahrung mit ähnlich agierenden Mitarbeitern eines speziellen Ministeriums „Struppis“. Da kommt Urlaubsstimmung auf!

Das triste, düstere Grau des Alltags in Nordkorea übertüncht Christian Eisert mit satirischem Wortwitz und so mancher Erinnerung, die schmunzeln lässt. Vieles, was dem Leser komisch vorkommt, ist einfach nur absurd, aber grausame Realität für Millionen Nordkoreaner. Allem voran der übersteigerte Personenkult um den Großen und den Geliebten Führer, zwei Männer, die in Nordkorea allgegenwärtig sind und denen bzw. deren Bildern und Denkmälern überall ehrfürchtige Ehrerbietung zuteilzuwerden hat. Man hört von mehrspurigen Autobahnen, auf denen aber nur wenige Laster und Militärfahrzeuge unterwegs sind. Dem staugeplagten deutschen Autofahrer mag das wie das Paradies erscheinen, aber nur so lange er den Zustand der Fahrbahnen nicht kennt. Das Volk mag darben und hungern, aber die Geschenkesammlungen von Kim Il-sung und Kim Jong-il, die Präsente von Weltführern wie Erich Honecker und Daniel Ortega enthalten, werden an prächtigen, aufwendig gestalteten Orten zur Schau gestellt, die einen Atombombenangriff überstehen werden.

Nordkorea ist ein Land, in dem zur Abschreckung öffentliche Hinrichtungen stattfinden, und trotzdem leben dort Menschen, die lieben und die lachen, die arbeiten, die sich freuen oder trauern und die Träume haben, und überall finden sich auch Spuren tiefer Menschlichkeit, und sei es bei einem Tanz zu dem Schlager „Tränen lügen nicht“ an der am schärfsten bewachten Grenze der Welt.


Responses

  1. Herrlich! Vielen Dank für diese Rezension.. Selbe Journalistenfeindlichkeit findet sich auch in Kuba. Und sei es auch nur ein Foto vom örtlichen Fußballstadion.


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