Verfasst von: eleucht | 21. April 2016

Zauberstadt

Zauberstadt

For Eve

Durch den grauen Alltag wogt eine konturlose Masse von Gesichtern, die sich vor ihm teilt wie das Meer vor dem Bug seines alten Schiffes. Nun navigiert er, dessen schwankender Gang noch immer den Seemann verrät, durch fremde Gefilde. Sein Kompass ist die Erinnerung an ein Lächeln, die Erinnerung an die Süße eines Kusses. Er vertraut dem Lächeln mehr als den Worten, die ihm aus der grauen Masse entgegenschallen und die ihm versprechen, nur sein Bestes zu wollen. Mag das Lächeln, das ihm seit Anbeginn der Zeit zu verfolgen scheint, inmitten des lärmenden Alltags auch noch so unwirklich erscheinen, ihm ist es wahrhaftiger als das „Hallo, wie geht’s“ seines Gegenübers, hinter dessen aufgesetzter Freundlichkeit doch nur Leere gähnt.Urlaub 253

Auf Beton und Asphalt wachsen keine Rosen, und er, der alte Kapitän, ist auf der Suche nach Rosen. Sie weisen ihm den Weg zu seinem Traum. Doch er stößt immer wieder auf Mauern, die den Blick zum Horizont versperren. Er irrt durch ein Labyrinth aus grauen Mauern.

Die Liebe verwandelt den Alltag in einen Festtag. Fröhliches Lachen brandet durch die Straßen, schwillt an und schwillt ab. Musik ertönt, lockt die Menschenmasse in den lichterbunten Schlund aus Unterhaltung und unbeschwertem Vergnügen. Rock’n’Roll und Schlager und mittendrin dudelt ein Akkordeon.

„Hereinspaziert!“, schallt es dem Seemann entgegen.

Karussells drehen sich im Rhythmus beschwingter Melodien, bunte Gondeln schwingen atemberaubend in den blauen Himmel. Der Duft gebrannter Mandeln versüßt die Luft, Kindergesichter tauchen in bunte Zuckerwatte.

„Hereinspaziert!“

Die Stadt hat sich in eine Zauberstadt verwandelt und hält für jeden eine Sensation bereit. Alles, was das Herz begehrt. Dieser Magie kann sich der Kapitän nicht entziehen. Sie zaubert ein Lächeln in sein durch Wind und Wetter gegerbtes Gesicht. Sein Fuß wippt im Takt der Musik. Die Spielleute lassen mit Trommeln und Schalmeien den Zauber einer vergangenen Zeit wiederauferstehen.

Er blickt in lachende Gesichter, doch das Lachen gilt nicht ihm. Das Lächeln, von dem er Tag und Nacht träumt, scheint fern und ist ihm doch so nahe wie nichts sonst auf der Welt. In seinem Herz pulst heftig die Liebe, die ihn niemals wieder verlassen wird. Bumm, bumm, ich liebe dich, bumm, bumm … Kann ihm die Zauberkugel der Wahrsagerin mehr verraten, als er nicht schon weiß?

Das Gewehr, das er in der Hand hält, zittert. Der Lauf richtet sich auf weiße Plastikröhrchen. Sein Zielen gilt einem weißen Hund aus Plüsch mit kleinen, klugen Knopfaugen. Abzug ziehen, durchladen, Abzug ziehen … Am Ende hält er eine Rose aus Papier in der Hand. Der weiße Plüschhund wartet weiter darauf, von einem Schützen aus der harten Hand des Schießbudenbesitzers befreit zu werden.

Eine rote Rose aus Papier. Sie wird nie welken, sie wird nie ihre Blütenblätter im Herbstwind verlieren. Und trotzdem – gibt es etwas was unechter und trauriger ist als eine Rose aus Papier?

Er lässt die Lichter der Stadt und all die fröhlichen Menschen und ihr Lachen hinter sich. Er blickt nicht zurück. Die Zauberstadt verspricht Träume wahr werden zu lassen, doch sie ist nur Illusion. Weniger als ein Traum.

Das Papier der unechten Rose knistert zwischen seinen Fingern. Der papierumwickelte Draht des Stiels ritzt seine Haut. Ein Tropfen Blut tritt aus, ein Tropfen von tiefstem Rot wie die Farbe einer ganz bestimmten Rose, die ihm vor gar nicht langer Zeit die Augen für die Liebe geöffnet hatte.

Die Papierrose fällt zu Boden. Ein Tropfen roten Blutes folgt ihr.

Der schwarze Asphalt zu seinen Füßen verwandelt sich in das Grün eines sonnenbeschienenen Rasens. „Hallo!“ Der vertraute Klang einer Stimme lockt ihn in etwas, das ein Traum sein mag oder Wirklichkeit, und lenkt seine Schritte auf einen Pfad, der geradewegs aus dieser Welt zu führen scheint.Roseportal

Der Seemann folgt dem betörenden Duft edelster Blumen und findet sich schließlich umrankt von Rosen. Ein Portal, das ihn einlässt in die Welt, nach der er suchte – in die Welt, in der er die Liebe finden wird. Er fühlt sich ihr so nahe. Dornen bohren sich in sein Fleisch. Keine Rose ohne Dornen, keine Liebe ohne Schmerzen. Durch seine Venen fließt Nektar, er fühlt sich als Teil des Rosenstockes. Seine Füße wurzeln tief in der Erde. Kann er der Unrast, die ihn ein halbes Leben lang über alle sieben Meere trieb, etwas entgegensetzen? Die Kraft der Liebe ist mächtig.

Eine Rose windet sich um ihn, in ihrem Blütenkelch erkennt er das süße Lächeln, dem seine Sehnsucht gilt. Der Wind spielt mit den Rosenblüten, sein Wehen lässt die zarten Blütenblätter einem Kuss gleich miteinander verschmelzen, um sie gleich darauf wieder zu trennen. Doch die eng umrankten Rosen vermag nichts mehr zu trennen. Vergeblich ist das listige Spiel des Windes.Kirchweihfest Bad Steben 018

Jenseits des Rosenstocks blinken die bunten Lichter der Zauberstadt, die beiden Rosen verwandeln sich für einen Augenblick in ein eng umschlungenes Liebespaar, ihr Kuss scheint flüchtig, doch er ist ein Versprechen für die Ewigkeit. Tautropfen perlen auf den blutroten Blütenblättern der Rosen.

© Text Eberhard Leucht

© Fotos 1,3 Eberhard Leucht, 2 Eve López Guz


Responses

  1. Gern und mit Vergnügen bin ich durch diese Geschichte spaziert.

  2. Eine wunderschöne Geschichte, die verzaubert. 🙂


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