Verfasst von: eleucht | 23. November 2016

„Willkommen in Wellville“ – T.C. Boyle

wellville-001Die Geschichten, die T.C. Boyle erzählt, nehmen meist kein gutes Ende. Ganz im Gegenteil. Die Figuren in seinen Romanen, und es ist vollkommen egal, ob man sie ins Herz schließt oder hasst, trifft das Schicksal mit voller Wucht. Und wenn sie schließlich ganz unten angekommen sind und sich im Dreck suhlen und der geneigte Leser mit ihnen leidet, dann zeigt Boyle, dass es noch viel schlimmer kommen kann. Gut nachvollziehen lässt sich das in seinem Roman „América“. Man wünschte sich, dass Donald Trump schon viel eher eine Mauer an der Grenze zu Mexiko gebaut hätte, dann wäre dem illegalen Pärchen ein schreckliches Schicksal erspart geblieben.

„Willkommen in Wellville“ ist nun so etwas wie der amerikanische „Zauberberg“. Die saturierte Oberschicht der amerikanischen Gesellschaft, die an lebensbedrohlichen Krankheiten wie Autoindoxikation und Neurasthenie leidet, unterwirft sich mehr oder weniger freiwillig dem despotischen Gesundheitsfanatiker Dr. John Harvey Kellogg, dem die Welt unter anderem so wundervolle Errungenschaften wie Cornflakes und Erdnussbutter zu verdanken hat. In seinem liebevoll San genannten Sanatorium bietet er seinen schwerreichen Patienten gesunde, patentierte und garantiert geschmacksfreie Kost, Klistiere, orthopädische Stühle und Betten und natürlich seine gut inszenierten Vorträge über gesunde Lebensweise und die Gefahren des Genusses von Fleisch. Nicht weniger gefährlich für die Menschheit ist seiner Meinung nach auch die fleischliche Liebe. Er predigt seinen Patienten strikte Enthaltsamkeit.

Im Jahre 1907 trifft das Ehepaar Lightbody im Zug auf den jungen Charlie Ossining. Sie haben das gleiche Ziel – die Kleinstadt Battle Creek in Michigan. Will und Eleanor Lightbody begeben sich ins San, um sich von Dr. Kellogg behandeln zu lassen. Da wissen sie noch nicht, wie weit sie beide sich voneinander entfernen werden. Der Gesundheitsapostel Kellogg hat großen Einfluss auf Eleanor, die sich als moderne Frau sieht, die allem Neuen aufgeschlossen gegenübersteht. So geht sie sogar noch weiter, sie entzieht sich dem Einfluss des Doktors und unterwirft sich noch anderen fragwürdigen Therapien.

Charlie Ossining dagegen fährt froher Hoffnung nach Battle Creek. Dort wartet ein Geschäftspartner auf ihn. Zu der Zeit zieht es jede Menge Glücksritter in die kleine Stadt, die darauf hoffen, im boomenden Frühstücksflockengeschäft das schnelle Geld machen zu können.

Während auf der einen Seite die Ehe der Lightbodys zu zerbrechen droht, wird Charlie Ossining auf der anderen Seite die bitterste Erfahrung seines Lebens machen. Und auch Dr. Kellogg bleibt vom bösen Schicksal nicht verschont, ein dunkler Schatten aus seiner Vergangenheit ist dabei, alles zu zerstören, was ihm lieb und teuer ist. Diese Schicksale sind im Roman auf wundersame Weise miteinander verflochten.

Wie im Zauberberg ist auch in diesem Roman der Fokus auf einen Teil der amerikanischen Gesellschaft gerichtet, um den Leser deren Borniertheit und Dekadenz zu offenbaren.


Responses

  1. Ich erinnere mich, Jahre ist es her, dass eine Freundin mir diesen Roman empfohlen hat. Dank Deiner gelungenen Besprechung bin ich nun erneut aufmerksam geworden. Herzlichen Dank, kommt auf meine aktuelle Leseliste!

    Liebe Grüße
    Constanze

    • Viel Spaß beim Lesen.


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