Verfasst von: eleucht | 29. März 2018

„Alle Nähe fern“ – André Herzberg

Herzberg 001Beim Stöbern in einem Buchkatalog bin ich auf den Namen des Autors gestoßen – André Herzberg. Bestens bekannt noch immer als der charismatische Sänger der (Ost)Berliner Band Pankow. Es ist die Lebensgeschichte dreier Generationen einer jüdischen Familie in Deutschland. Letztlich ist das Buch, dessen Protagonist und Ich-Erzähler autobiografische Züge trägt, für mich zu einer Offenbarung geworden, vor allem weil ich mich selbst und viele meiner eigenen Gedanken und Gefühle darin wiedergefunden habe. Wenn man eigentlich gar nicht damit rechnet, wird man plötzlich mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert.

Wie weit entfernt sind sich nahestehende Personen wie zum Beispiel Väter und Söhne? In einer Rahmengeschichte wird von Abraham erzählt, der bereit ist, seinen eigenen Sohn Isaac für seinen Glauben zu opfern – einmal aus der Sicht Abrahams, einmal aus der Sicht Isaacs. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die biblische Geschichte reflektiert die Gegenwart.

Da ist Heinrich Zimmermann, der Gründer der Dynastie von Lederfabrikanten und -händlern, der, beseelt von deutschnationaler Gesinnung, in den großen Krieg zieht, als Kanonier. Er und sein Vorgesetzter kehren als einzige Überlebende ihrer Einheit zurück – doch umarmen möchte der deutsche Major den Juden zum Abschied nicht.

Sohn Konrad sieht deutlich die Gefahr des heraufziehenden Faschismus. Doch Vater Heinrich ist blind für die politische Entwicklung in seinem Land. Er wird selbst erst seine Erfahrungen mit der neuen Herrenrasse machen, eher er bereit ist, die Heimat zu verlassen.

Dann ist da Paul, der Vater des Ich-Erzählers, der im englischen Exil zum überzeugten Kommunisten wird und nach dem Untergang des Reiches im Osten Deutschlands mit großem Idealismus daran geht, eine neue Welt aufzubauen. Und auf diese Weise Karriere im neuen Staat macht – er wird zum typischen Funktionär stalinistischer Prägung, der die Partei über alles stellt, auch über die eigene Familie und die eigenen Kinder.

Wenn Jakob dann beginnt, über sein eigenen Leben zu berichten, fühle ich mich vielfach in die eigene Vergangenheit zurückversetzt. Jakob ist mein Jahrgang. (Autor Herzberg selbst wurde ein Jahr früher geboren.) Selbst die Armeezeit erlebt er im selben Zeitraum wie ich. Im zweiten Diensthalbjahr – Zwischenpisser genannt – erfolgt die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Erinnerungen werden wach. All die Gedanken und Gefühle, sogar manche Erlebnisse, die Herzberg seinem Jakob zuschreibt, waren meinen so verdammt ähnlich. Ich hätte über diese Zeit nicht viel anders geschrieben. Später erfüllt sich Jakobs Traum, er wird Musiker und spielt in einer Band. Und da bleiben Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht nicht aus.

Schließlich die Wende in der DDR, der Fall der Mauer, ehemalige Freunde und Vertraute stellen sich als Stasi-IM heraus, die Erkenntnis, dass die Künstler aus dem Osten nicht mehr gebraucht werden – der Sturz in ein tiefes schwarzes Loch, die Ämter, die Behörden, die Formulare … Am Ende die Suche nach Hilfe, beim Therapeuten, in der Selbsthilfegruppe.

Als Jakob während seiner NVA-Zeit wegen „schlimmer“ Vergehen Probleme bekommt, soll sein Vater, der Funktionär, seine schützende Hand über ihn halten. Später jedoch erfährt Jakob, was der seinen Vorgesetzten geraten hat – „sie sollen Jakob hart anfassen“. Er opfert den „ungehorsamen“ Sohn seiner Ideologie. Der Kreis der biblischen Geschichte schließt sich. Abraham brauchte Isaac nicht zu töten.


Responses

  1. Ein feiner Tipp für die freie Zeit.

    Frohe Ostern wünsche ich dir.

    • Dankeschön. :-) Vor mir ebenfalls „Frohe Ostern“.


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