Posted by: eleucht | 23. Oktober 2025

„Kornblumenblau“ – Susanne Beyer


Die Bücher, über die ich schreibe oder die ich rezensiere, wurden von mir gekauft. Es gibt keinerlei geschäftliche oder anders geartete Beziehungen zu den Verlagen, Verlagsgesellschaften oder Autoren.

Dieses „Kornblumenblau“ wäre ohne den Blog von https://annuschkasnorthernstar.blog sicher unbemerkt an mir vorübergegangen. Was schade gewesen wäre, denn die Lektüre erwies sich als sehr interessant. Der Leser schaut der SPIEGEL-Redakteurin bei einer Recherche in ihrem familiären Umfeld über die Schulter. Sie versucht die Wahrheit über die Rolle ihres Großvaters im Dritten Reich herauszufinden. Die Familiengeschichte berichtet von dem Chemiker, dass er versucht haben soll, die Farbe Kornblumenblau künstlich herzustellen und dass er in den letzten Kriegstagen von betrunkenen sowjetischen Soldaten erschossen worden sein soll. Gleichzeitig kursiert von anderer Seite die Behauptung, er wäre von den eigenen Leuten ermordet wurden, da er ihnen nach dem verlorenen Krieg hätte Schwierigkeiten machen können. Denn über allem, was Susanne Beyer herausfindet, fällt der dunkle Schatten von Auschwitz im Dunstkreis der I.G Farben. Es geht um die Frage von Schuld und Verantwortung, von Mittäterschaft oder Widerstand. Hin und wieder stieß ich auf Stellen, die auf eine bestimmte Weise mit meiner eigenen Geschichte im östlichen Teil Deutschlands verknüpft sind. Da wäre zum einen Kurt Biedenkopf, der von 1990 bis 2002 der erste Ministerpräsident in Sachsen war und den Freistaat auf einen erfolgreichen Weg geführt hat, der für eine gewisse Stabilität in den Nachwendejahren sorgte. Er war als Gegner von Helmut Kohl geschätzt. Dem Vorwurf, dass er den aufkommenden Rechtstrend in der Gesellschaft Sachsens zumindest verschwiegen und verharmlost hat, könnte ich nach den neuen Erkenntnissen aus dem Buch nicht mehr so einfach widersprechen. Und dann waren da noch die Buna-Werke, ein Teil der I.G. Farben. Die Buna-Werke waren das größte Chemiekombinat in der DDR, das stand mit dem Motto „Plaste und Elaste aus Schkopau“ für Fortschritt. Wer sich nicht näher mit der Thematik beschäftigt hatte – und das war in der DDR wohl nicht wirklich erwünscht – wusste wenig über die Vergangenheit des Begriffes Buna und seine Verflechtung mit den I.G. Farben.

Letztendlich hat Susanne Beyer eine Menge über ihren Großvater und bei dieser Gelegenheit auch über sich selbst herausgefunden, aber am Ende bleiben noch immer eine Menge Unschärfen. Für jemand, der in einer Diktatur aufgewachsen ist, mag ihr Fazit gegen Ende des Buches, dass sie wie jeder andere unter den gegebenen Umständen genauso gehandelt hätte wie ihr Großvater, tröstlich sein. Auch wenn es ihr, wie sie schreibt, schwerfällt, das zu sagen. Da kommen Unterschiede zwischen den Biografien West und Ost zum Vorschein, mit denen man vielleicht nicht gerechnet hätte.

Abschließend schreibt Susanne Beyer auf unsere heutige Zeit bezogen, in der die dunklen Schatten der Vergangenheit am Horizont bereits wieder aufziehen: „Wir werden zwar nie alles richtig machen können, wichtig aber erscheint mir, dass wir die Maßstäbe dafür, was richtig und falsch ist, nicht verlieren, dass wie den Unterschied erkennen und uns immer wieder neu darauf besinnen.“


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