Verfasst von: eleucht | 12. November 2015

Rosenblütenträume

Plauen 015

Rosenblütenträume

For Eve

Wenn der Kopf in den Wolken schwebt, verlieren die Füße an Bodenhaftung. Federwölkchengleich ziehen die Gedanken wie bunt schillernde Seifenblasen übers blaue Himmelszelt, sie erzählen denen, die es hören wollen, Geschichten von Liebe und Leid, von Sehnsucht und Hoffnung, von lichtdurchwogten Sommerwiesen und rot blühenden Rosen.

Die Zeit kommt, da die Tage kürzer werden. Das Licht verblasst, die Wärme weicht aus den Herzen und den Straßen der Stadt, kalte Winde reißen das rot und gelb gesprenkelte Laub von den Bäumen.

Das Dunkel der Nacht verschlingt die Farben des Tages und verwischt die Konturen zwischen dem Heute und dem Morgen. Wie Schatten huschen die schwarz gewandeten Geister durch die Straßen der Stadt. Sie werfen ihr schwarzes Leichentuch über Bäume, Büsche und Häuser, über Wiesen und Felder.

Träume sind es, die ein Licht entfachen und der Dunkelheit Farben voller Magie entreißen. Sie erfüllen das Herz mit Wärme. Die Träume sind nicht mit Händen zu greifen, wer ihnen trotzdem folgt, wagt den Schritt ins Ungewisse, er tanzt auf dem schmalen Grat zwischen den schwärzesten Abgründen und den lichtesten Höhen. Vielleicht aber findet man das Glück genau mittendrin. Vielleicht ist es so nah, dass sein Atem dich streift.Rose02

Verwittert von Wind und Wetter ist die Farbe des ehemals weißen Tores. Es scheint verschlossen und verwehrt den Weg in den Garten, der, in das Schwarz der Nacht gehüllt, einsam vor sich hin schlummert. Als wollte es die sterbenden Blumen vor den neugierigen Blicken der vorübereilenden Menschen schützen. Der Stolz der schönsten Rose verweht, wenn der Herbststurm die blutroten Blätter aus der Blüte pflückt. Wo sie sich einst der Sonne entgegenstreckte, drückt Regen sie nun zu Boden.

Der Mann, der in Gedanken versunken am Tor lehnt, scheint von weither gekommen zu sein, im klaren Blau seiner Augen glaubt man in die Weite des Meeres zu blicken. Er vermisst die verschwenderische Pracht des Sommers, sie versprach ihm Glück. Nun ist er ein Mann, der irgendwo zwischen Herbst und Winter schwebt. Die Zeit hat ein bleiches Grau in seinen Bart gewebt.

Eine Rose, weiß wie die Unschuld, windet sich durch das Gitter des Tores. Ihr bevorzugter Platz ließ sie in den letzten Strahlen der Herbstsonne noch einmal voll erblühen. Der samtige Glanz ihrer Blütenblätter ist ein Echo des vergangenen Sommers.

Weht da nicht der zarte Klang einer längst vergessen geglaubten Melodie an das Ohr des Mannes? Ton für Ton entfaltet sie ihren Zauber. Ein Blatt löst sich vom Kelch der Blüte. Es fällt nicht zu Boden, ein Windstoß erfasst es und wirbelt es nach oben. Fast ein bisschen zögerlich berührt es die Lippen des Mannes.Rose01

Für einen Moment flammt auf der ganze Rosengarten in der strahlend bunten Pracht des Sommers. Ein Meer von Blüten, das den Gast umwogt wie die Wellen des Ozeans. Er möchte darin versinken, um nie mehr aufzutauchen.

Langsam, ganz langsam segelt das weiße Blütenblatt hinab. Es wird den Boden nie berühren, es ist der Geist, der der Rose innewohnt und der beim Betrachter die Erinnerung an ein Lächeln erweckt – an das schönste Lächeln der Welt. Es ist dieses Lächeln, das ihn nie verlassen hat, das ihm ein Licht war und das Herz erwärmte in den dunkelsten Zeiten der Kälte und sich mit ihm freute, wenn er auf dem Riesenrad des Lebens den höchsten Punkt erreicht hatte, es ist das Lächeln, das ihn begleitete, wenn er der Sonne entgegenflog, das ihn leitete durch die Zeiten, die Meere, das ihm in seine Träume folgte und ihn schon erwartete, wenn er am Morgen die Augen öffnete, es ist das Lächeln, das ihm Hoffnung gab, wenn er den Glauben verloren hatte, und das mit ihm lachte, wenn das Glück zum Greifen nahe war und er vor lauter Einhörnern den Wald nicht sah. Es ist das Lächeln, das er nie aufhören wird zu suchen.

Wie viele Rosen werden auf den Wegen stehen, die der Mann noch beschreiten wird? Eine jede von ihnen wird ihm dieses Lächeln schenken und den Weg zu seinem Ziel weisen.


Responses

  1. Das ist wunderschön.

  2. Mit gewaltiger Sprache geschmückt und schon alleine deshalb für mich jenes, was man Literatur nennt!
    DANKE dafür und herzliche Grüße

    Sylvia


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