Verfasst von: eleucht | 17. August 2016

Eldorado

 

16 - 1

Eldorado

For Eve

Weiße Wolkentupfen gleiten wie schwerelos übers blaue Himmelszelt. Einem Spiegelbild gleich schwebt ein Schwan mit majestätischer Eleganz auf dem unbewegten Wasser eines Sees. Das Tosen des Meeres und die sturmgepeitschten Wellen scheinen scheinen unendlich fern und nichts anderes als die Schatten eines Albtraums zu sein, die im Sonnenlicht schnell verblassen und von denen nichts anderes bleibt als ein leichtes Frösteln auf der Haut.

Liebe und Hoffnung vermögen Kräfte zu entwickeln, die uns die Wirklichkeit manchmal vergessen lassen. Der alte Seemann ist unterwegs in der Welt und er ist nicht allein. An seiner Seite die Frau, die einem Traum entsprungen scheint. Doch das Zittern ihrer Hand, die er in der seinen hält, ist real wie sonst nichts auf der Welt. Er blickt ihr tief in die Augen, und in diesen Augen öffnet sich ein rosenumranktes Portal, das in die Welt seiner Träume führt und gleichzeitig Teil der Wirklichkeit ist. Rosenstöcke säumen die Wege. Barfuß schreitet der Kapitän sicheren Schritts auf dem festen Land. Das weiche Gras der Wiesen umschmeichelt seine Knöchel.

Sie ist da. Sie ist immer da, wo er ist. Ihr Zauber öffnet ihm das Tor in ihre Welt, in der er das Glück finden wird. Nicht nur er, sie beide werden es finden. Er weiß, das Glück können sie nur gemeinsam erleben. Als hätte das Schicksal sie auf ewig aneinandergekettet. Sie braucht ihn nicht weniger als er sie.

Bienen summen, Hummeln brummen, Schmetterlinge flattern, Blumen duften. Ruhe senkt sich auf die beiden Menschen herab, die Unrast, die sie tagtäglich antreibt, fällt von ihnen ab, macht einem beschwingten Gefühl Platz, das für ihn nach den Jahren der Strapazen und der Einsamkeit auf See noch neu und ungewohnt ist. Es fühlt sich gut an, beschleunigt seinen Herzschlag, er möchte es fassen und für immer in Händen halten, behüten wie einen Schatz. Doch dieses Gefühl ist flüchtig und entgleitet jedes Mal seinem Griff. Es scheint zum Greifen nah und weckt die Sehnsucht in ihm, für immer mit diesem Gefühl, das pure Liebe ist und Glück verheißt, zu verschmelzen.

Hand in Hand schreiten sie die Wege entlang, Rosen neigen vor ihnen die Köpfe, als huldigten sie der Liebe. Sie kennt die Wege und er folgt ihr. Er hat keine Zweifel, wohin sie ihn auch führen mag, er wird ihr nicht von der Seite weichen.16 - 2

Der glühende Ball der Sonne versinkt hinterm Horizont. Im Zwielicht kommen sich die beiden näher. Ein Baum, in dessen Krone Vögel singen, spendet Geborgenheit und Äpfel. Die Äpfel sind frei von Sünde. Das ist nicht der Paradiesgarten, das ist der Ort der Liebe, der nur für sie beide existiert. Der Stoff ihres Kleides betont die Körperlichkeit ihres zarten Wesens, das sich nicht mit der Flüchtigkeit eines unschuldigen Kusses zufrieden geben möchte. Er ist bereit, ihr zu geben, wonach sie verlangt. Längst weiß er, dass die Winde sein Schiff in den Hafen der Liebe trieben. Dieser Weg war ihm bestimmt. Er lässt es geschehen, weil er tief in seinem Inneren weiß, dass es genau das ist, was er selbst will. Deswegen, und nur deswegen erlitt sein stolzes Schiff nie Schiffbruch und trotzte den stärksten Stürmen. Seine starken Hände, die das Steuerrad in höchster Not stets fest umklammerten, damit das Schiff den Kurs halten konnte, entdecken die Zärtlichkeit. Ihr Kuss ist feurig, ihr Kuss lässt ihn die Welt um sich herum vergessen. Er lebt nur für den Moment, nur für sie … Und sanft schläft sie in seinen Armen ein. Rosen, Sonnenblumen, Bäume und auch die Wiesen erstrahlen golden und schweigend im Zwielicht des Sonnenuntergangs. Eine wohltuende Stille, die den Herzschlag der Liebenden beruhigt, senkt sich über die Welt. Ein Windhauch kühlt die glühende Haut. Ein Kuss, ein Wort, ein „Ich liebe dich“, eine zärtliche Berührung vereint die Liebenden für die Ewigkeit.

In der Stunde, die weder der Tag noch die Nacht für sich beansprucht, erhebt sich der kahle Kopf der Schlange aus dem Schatten des Baumes. Die kalten Augen blicken suchend umher. Da ist auch der Spinnenkönig schon zur Stelle. Mit fliegenden Bewegungen beginnt er sein Netz zu weben. Die klebrigen Fäden sind einzig und allein dafür da, die Träume des alten Kapitäns einzufangen. Sie entführen seine Träume, entreißen sie der Liebe. Die Schlange spricht und verbirgt ihre Giftzähne: „Sieh, mein Freund, was wirklich ist. Du bist zu erfahren, um zu glauben, dass dies deine Wirklichkeit ist. Das wahre Leben findest du jenseits von Sonnenuntergängen und Rosen. Du kennst es und du bist ein Teil davon. Du glaubst an die Liebe? Ach wirklich? Seit wann? Wo war die Liebe, als die mörderischen Wellen über deinem Schiff zusammenschlugen und dich beinahe von Bord in die Tiefe des Ozeans gerissen hätten? Wo war die Liebe, als Piraten dein Schiff kaperten und du den kalten Stahl des Dolches an deiner Kehle spürtest?“

Der Kapitän fand sich unversehens wieder auf den Planken seines Schiffes. Das Meer toste, doch die Wellen waren rot wie Blut. Kanonendonner grollte. Pulverdampf zog übers Meer. Niemand war da, der ihm die Hand reichte. Er hätte sie auch ausgeschlagen. Wofür hätte er sie brauchen sollen? Die Häfen waren voll von Tavernen, in denen die Würfel rollten und die Goldmünzen unentwegt ihre Besitzer wechselten, und sie waren voller Abenteuer, die das Leben so aufregend machten …

„Du wirst so kurz vor dem Ziel doch nicht aufgeben?“, fährt die Schlange fort zu sprechen. Niemand ist da, der ihren Giftzahn erkennt. „Du bist auf der Suche wie alle anderen, auf der Suche nach Eldorado. Glaub mir, mein Freund, du bist kurz davor, zu finden, wohin deine Sehnsucht dich all die Jahre trieb. Eldorado – hat der der Name nicht einen verheißungsvollen Klang? Kehre um, bevor es zu spät ist und jemand anderes die goldene Küste vor dir erspäht. Begib dich auf die Brücke deines Schiffes und ergreif das Steuerrad, wie es deine Bestimmung ist ..“

16 - 3Und im Traumgespinst des Seemanns lichteten sich die Nebel und er erblickte im Licht der aufgehenden Sonne die strahlende Küste des geheimnisvollen Landes, das ihm alle Schätze und allen Reichtum dieser Welt versprach …

Als der Kapitän die Augen öffnet, streift der Atem der Liebe zärtlich seine Haut, er erkennt neben sich das Lächeln, das ihm Liebe verheißt und dessen Lippen ihm viele heiße Küsse schenkten.

Er hatte Eldorado längst gefunden. Eldorado war umkränzt von rot und weiß blühenden Rosen. Im Licht des neuen Tages löst sich das Netz des Spinnenkönigs in Nichts auf. Eldorado ist das Glück. Der Kapitän hält es gerade in seinen Händen.

© by Eberhard Leucht

© Fotos: Eve López Guz


Responses

  1. 🌹


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